PROJEKT 0
Hallo, das ist Michis neues Buch, das jetzt gleich anfangen tuhen tut!!!
Und zwar…………..JETZT!!!
BRÜSTE verkehr
rein raus
Rakete
Flasche
Tuten und blasen
Wedeln
Rhein
Schneller
Tiefer
Lecken
Saugen
Vielen Dank an David und Christopher für diese stilvolle und einfallsreiche Einleitung. Sie hat mich manches Mal zum Lachen gebracht.
Phase 1. Herausgerissen.
“Es ist wirklich sehr interessant hier. Nicht, dass ich unbedingt den Zwang gehabt hätte, es jemals herauszufinden, wie es hier ist, aber es ist durchaus interessant hier. Gut, ich muss gestehen, es ist auch ungemein gefährlich. Wenn ich etwas Falsches mache könnte ich sterben… und das ganz ohne rhetorische Überspitzung.”
“Redest du mit mir?”
“Nein, ich rede nur so vor mich hin. Weißt du, wenn man von einer Sekunde auf die andere nicht mehr vor seinem Computer sitzt, sondern sich urplötzlich in einem tropischen Regenwald befindet…”
“…einem tropischen Regenwald mit seltsamen Tieren, die eigentlich ausgestorben sein sollten?”
“Genau das meine ich. Wenn man plötzlich von Großstadtdschungel zu Nur-Dschungel transportiert wird, also ich für meinen Teil habe meine lieben Probleme damit, den Kopf frei zu bekommen.”
“Bisher habe ich es recht gut überstanden.”
“Ja, klar, ich auch. Bis auf die paar Schürfwunden hier, aber das ist ja nichts Ernstes.”
“Sind die schon da gewesen, als du auf den Baum hier hochgerannt bist?”
“Nein, die kommen davon. Wenn ich wählen kann zwischen Schürfwunden und Säbelzahntiger oder so was ähnlichem, na denk dir nur was ich nehme.”
“Schon.”
Schweigen.
“War das eigentlich ein Säbelzahntiger?”
“Es war groß und schnell. Und es klang nicht nett. Alles, was groß, schnell und nicht nett klingend aus dem grünen Irrgarten um uns herum auf uns zurennt wird von mir als Säbelzahntiger deklariert.”
“Ach so.”
Schweigen.
“Wie heißt du eigentlich?”
“Michael. ‘n du?
“Sebastian.”
“Freut mich.”
“Dass der Tiger weg ist?”
“Er ist weg?”
“Ist der Tiger jetzt weg?” tönte eine Stimme über den Tisch.
“Ja ich denke das sollte er schon sein.” murmelte eine andere Stimme aus dem Halbdunkel.
“Seit einer Viertelstunde.”
“Das hat gar nichts zu sagen.”
“Deshalb sitzen wir ja noch hier oben.”
“Oh.”
Schweigen.
“Also gut, ich denke wir können nicht ewig hier oben sitzen.”
“Was schlägst du dann vor?”
“Tja. Heruntersteigen und… keine Ahnung? Eine Höhle suchen?”
“Bären.”
“Ein Baumhaus bauen?”
“Also gut, die Höhle. Aber du gehst voran.”
“Zum Einstieg. Mal sehen. Schwierigkeit… hier. Michael, wirf mal.”
Es klapperte kurz, wie Hartplastik auf Glas.
“Mh-Hm. Seb, du bitte auch…” meinte die Stimme, und für einen Augenblick konnte man ein paar kleine Augen sehen, die erregt hin- und herzuckten.
Es klapperte erneut, dasselbe Geräusch.
“Gut, gut. Alles verläuft nach Plan. Weiter so.” flüsterte die Stimme heiser.
Amüsiertes Kichern tönte für eine Sekunde von gegenüber der Stimme auf.
Sebastian stand geduckt im niedrigen Eingang und spähte nach draußen. “Ich verstehe immer noch nicht, warum wir hier in so einem seltsamen Wald einen so großen Hügel finden, der groß genug für eine Zweimannhöhle ist. Eine trockene Zweimann-Felshöhle. Ohne Tiere.”
“Schhhh. Sei still. Wenn du zweifelst, wird die Höhle wieder verschwinden.” Michael saß im hinteren Teil der kleinen Höhle und malte Muster in den Staub.
Sebastian starrte zurück in das Halbdunkel. “Was?”
“Nix. Nur so blöd dahergesagt. Das kann ich gut. Blöd reden.”
“Ja… ich merks.” schmunzelte Sebastian. “Ähm, andere Frage - wie kommen wir jetzt an was zu essen? Ich habe keine Ahnung wo wir sind.”
“Meinst du ich weiß das? Mein Handy hat hier kein Empfang, also scheinen wir entweder in ‘nem Funkloch zu sitzen oder wir sind… hm… weit weit weg von Deutschland.”
“Das ist ein… umfassender Begriff.”
“Tut mir leid. Ich weiß auch nicht wo wir sind.”
“Sag bloß. Mich würde schon interessieren wie wir hierhergekommen sind, egal wo wir nun sind.” meinte Sebastian und schaute wieder hinaus. “Es wird bald Abend. Ich weiß nicht ob wir uns auf die Sicherheit der Höhle stützen sollten…”
“Du meinst wir sollten ein Feuer machen.” Michael blickte auf.
“Jup.”
“Hast du Feuer?” fragte Michael. “Ich rauche nicht.”
“Fuck. Ich auch nicht.”
Die Nacht über geschah nichts, trotz des mangelnden Feuers und der recht unbequemen Betten, die aus Gras, Lianen und Blättern bestanden. Eine abwechselnde Nachtwache war im Nachhinein gesehen recht unnötig, aber wenn ihr in der Position gewesen wärt, ihr hättet freiwillig Nachtwache gehalten.
Am nächsten Morgen (sprich - als die Sonne aufging und das Licht endlich einmal durch das Blätterdach des seltsamen Waldes fiel) begannen die Sorgen von Neuem.
“Verdammt. Immer noch kein Netz.”
“Mwah?” schreckte Sebastian aus dem Schlaf auf und zuckte hoch.
Michael saß kurz vor dem Höhleneingang und drehte sich halb zu dem in der hintersten Höhlenecke schlafenden Gefährten um. “Ich sagte, ich habe immer noch kein Netz.”
“Herrgott erschreck mich nicht so. Ich dachte schon da wär dieser… Tiger… Scheiße!” fluchte Sebastian herzhaft. “Das war ja gar kein Traum. Ich habe mir so gewünscht dass ich noch zuhause im Bett liege.”
Michael nickte verwirrt und drehte sich wieder um.
“Was meinst du… sollten wir uns mal aufmachen und was zu essen suchen?”
“Mir liegen da andere Dinge nahe… und sei es nur, nach Hause zu kommen.”
“Was noch?”
“Vielleicht herausfinden, warum wir nicht mehr zuhause sind und wenn möglich denselben Weg wieder nehmen.”
“Michael, dir fällt ein, dass du einen rosafarbenen Blitz gesehen hast, bevor du im Urwald aufgetaucht bist.” Tönte die Stimme hinter dem Sichtschirm.
“Ein Rosa Blitz? Geht das auch etwas genauer?”
“Nein. Mach weiter.”
“Mir fällt gerade ein, ich habe einen ekelhaften rosafarbenen Blitz gesehen, bevor ich im Urwald aufgetaucht bin.”
“Geht das auch etwas genauer?”
“Nein. Einfach ein rosa Blitz.”
“Wundervoll. Warum sagst du das dann?”
“Keine Ahnung. Ich dachte es wäre sinnvoll.” Michael zuckte mit den Schultern.
“Rosa Blitz. Dann Urwald. Was is das hier? Schwuler Magier?”
Michael kicherte.
“Na sag doch mal ehrlich. Egal.” unterbrach sich Sebastian. “Ich will jetzt endlich irgendwohin kommen wo entweder dein Handy Netz findet oder wo wir etwas Zivilisation finden.” Er blickte aus der Höhle heraus Richtung Horizont. Dann erstarrte er.
“Warum erstarre ich jetzt?”
“Du siehst Rauch am Horizont. Mir dauert das jetzt zu lange mit euch.” Die Stimme hinter dem Sichtschirm klang gelangweilt. Eine Hand griff von dort aus nach eine Tüte Chips.
“Oh. Ich sehe Rauch am Horizont.”
“Wo.” Michael sprang auf und blickte in die Richtung, in die auch Sebastian schaute. “Tatsache. Na dann los. Wo Rauch ist finden wir normalerweise auch Menschen.”
“Na wo sind wir denn? Steinzeit? Welche Menschen machen noch Feuer im Wald?”
“Wanderer, Pfadfinder, Umweltschänder, brasilianische Ananasplantagenbesitzer und so.”
“Brasilien?” Sebastian zog eine Augenbraue nach oben.
“Na ja du hast was von nem schwulen Magier gesagt. Wenn der uns jetzt für seine … hm… brutalen Pläne braucht um die Weltherrschaft an sich zu reißen… oder so…” Michael stockte und suchte nach einer blöden Erklärung.
“Äh ja. Dann würde er gerade uns aussuchen und von weit weg hierherbeschwören und sich nicht irgendeinen schwulen Brasilianer nehmen?”
“Ach komm sei still. Ich bin dafür wir gehen jetzt einfach zu dem Rauch.”
“Danke.” Sebastian reckte sich etwas.
Kurzes Schweigen.
“Auf was warten wir?”
“Ähm…”
“Naja gut, gehen wir.”
“Ja klar. Los geht’s.”
Während die beiden durch den seltsamen Wald schritten und dabei viele Umwege nehmen mussten, hörten sie allerlei noch viel seltsamere Geräusche. Das Unterholz ließ oftmals nicht zu, dass sie einem Geräusch auswichen, aber sie begegneten nichts seltsamen.
Schließlich ließ Sebastian sich fallen.
“Ich kann jetzt erstmal nicht mehr laufen… ich hab jetzt Hunger, ich will einfach nur eine leckere Pizza essen…”
Michael nickte stöhnend und ließ sich vorsichtig auf dem Boden nieder. Dort rieb er sich zunächst genüsslich die Beine, bevor er schließlich noch einmal nickte und sagte: “Ja, das wär jetzt was.”
Die beiden saßen eine Weile auf dem Boden herum, verschnauften etwas und sahen auch sonst wie ganz normale Schüler aus, die keinen Bock auf die drohende Klassenarbeit hatten. Nur dass die beiden eben im Urwald waren. Und dass sie keine Klassenarbeit schrieben.
“Sind wir eigentlich noch auf dem richtigen Weg?” frage Sebastian dann zögerlich.
“Woher soll ich das wissen? Ich hoffe es mal.” Sprach Michael dann aus, was sie beide dachten.
“Mh. Naja gut ich denke es bringt nichts, wenn wir weiter hier herumsitzen. Ich schlage vor wir gehen mal weiter… so schwer sollte ein Feuer nicht zu finden sein, gerade weil wir uns hier in einem Dschungel befinden. Ich hoffe mal es ist nicht gerade ein Waldbrand.”
“Ja toll, mach mir freilich noch Mut.” Michael ließ den Kopf hängen. “Meinst du, dass man irgendwas von den Blättern hier essen kann?”
“Bestimmt. Die meisten schmecken wohl nicht, und einige wirst du nur einmal essen können, weil du dann tot bist. Aber versuch es ruhig, nur zu.”
Resigniert stand Michael wieder auf und ging schlurfend weiter. Sebastian folgte ihm, nachdem er zögernd eine Blattspitze in den Mund steckte und sie angewidert wieder ausspuckte.
Gegen Abend hatten sich die beiden unfreiwilligen Gefährten doch dazu überwunden, ein paar Blätter zu essen. Der Hunger war zu groß geworden, denn anderthalb Tage nichts zu essen und immer noch nichts in Sicht, nun ja, dann isst man halt etwas, auch wenn es nicht schmeckt und vermutlich Durchfall produziert.
Die Sonne neigte sich bereits langsam unter den Horizont, als die beiden wieder ein Knacken hörten.
“Das klang mir entschieden zu nah.” Murmelte Michael.
“Und es kam von – ” das Knacken wandelte sich urplötzlich in ein feuchtes Knirschen –
Die Person im Halbdunkel räusperte sich.
“Hm. Hm hm hmmm… ja gut also mal sehen. Das wird denke ich klappen.”
“DECKUNG!” schrie Sebastian und deutete auf die undurchdringliche Dschungelwand, aus der sich ein Baum den beiden entgegenneigte.
Sebastian stieß den schockierten Michael zur Seite und stürzte sich in den Dreck. Nur eine knappe Sekunde später donnerte ein hoher Baum genau dort nieder, wo die beiden soeben noch gestanden hatte. Die Äste verfehlten die beiden nur um Haaresbreite.
“Bist du okay?” durchbrach Michael das plötzliche Schweigen.
“Ja, ich glaube schon. Noch tut mir nichts weh.”
“Dann lass uns die Schmerzen auf später verschieben und rennen. Ich glaube, dass der Baum nicht einfach so umgefallen ist.”
“Gute Idee.”
Sie rappelten sich auf und spähten nach allen Seiten, in der Hoffnung, dass nicht gleich ein wildwütiges Wesen aus dem Dickicht hervorbrechen könnte, das man in grenzenloser Panik als Säbelzahntiger deklarieren könnte.
Es brach allerdings etwas aus dem Dunkel hervor.
Michael und Sebastian schrieen gleichzeitig auf und stolperten rückwärts. Sebastian fiel dabei geradewegs wieder zurück in den weichen Boden.
Der Schrei verhallte wirkungslos, und auch die selbstlose Selbstaufopferung von Sebastian brachte keine Ergebnisse. Die Gestalt, die noch halb in den Schatten stand, schien zunächst ebenso verschreckt wie die beiden. Dann entspannte sie sich und kam ganz aus dem Schatten heraus. Sebastian, der sich eben wieder aufrappelte, und Michael, blickten ungläubig auf die Person, die sich wie sie ebenfalls etwas um die 20 Jahre herum bewegen müsste.
“Ahoihoi. Ich bin David. Ich weiß nicht, ob ihr mich versteht, aber es wäre ganz toll, wenn ihr mich hier aus dem Wald rausbringen könntet.” Sagte die Person, die sich mit David bezeichnet hatte.
“Ähh.” Artikulierte Sebatian.
Michael schwieg.
“Also ja, wir verstehen dich schon. Aber ich glaube, dass wir uns genauso hier im Wald verlaufen haben wie du.” Begrüßte Sebastian David. “Das ist Michael, und ich bin Sebastian.”
“Jo. Ich bin David, hab ich ja schon gesagt. Und ihr seid wie hierhergekommen?”
“Ich gehe mal davon aus, vermutlich auf demselben Weg wie du… so mit rosa Blitz und huch-im-Urwald.”
David nickte. “Jo, ich auch. Aber ich habe keine Idee wo wir sind. Nur vermutlich nicht mehr in unserer Zeit.”
Michael und Sebastian starrten David verständnislos an.
Michael und Sebastian sahen sich verständnislos an.
“Wie jetzt?” tönte es unisono.
“Das ist doch ganz einfach. Diese Baumart, die ich gerade hier gefällt habe, ist in unserer Zeit praktisch ausgestorben, und erst 1994 wurde in einem australischen Naturschutzgebiet ein lebendes Exemplar von 40 Meter Höhe gefunden. Die Wollemia nobilis gehört zur Gattung der Araukariengewächse, eine relativ alte Nadelholzfamilie. Dass sich diese Exemplare hier im Wald zu Dutzenden finden lassen, allesamt über zehn Meter hoch, lässt nur zu, dass wir entweder ein bisher dokumentarisch nicht erfasstes Gebiet durchlaufen, oder dass wir neben einem Ort- auch einen Zeitwechsel vollführt haben.”
Michael und Sebastian sahen sich erneut an. Sebastian zuckte demonstrativ mit den Schultern und grinste David treuherzig an. “Schön, du hast einen ausgestorbenen Baum gefällt. Ein tolles Gefühl, nicht wahr? Michael hier wurde fast von etwas gefressen, das es gar nicht mehr gibt. Also gut, wir sind in der Vergangenheit.”
Michael unterbrach ihn. “Wie hast du den Baum eigentlich gefällt?”
“Ich hab mir eben eine Axt gebaut. War ja kein Hexenwerk.” Antwortete David und hob die Axt hoch. Sie bestand aus einem Ast, einer Liane und einem scharfen Stein.
Sebastian grinste breit. “So jemand wie dich haben wir gesucht. Jemand, der aus einer Blechdose und einem Kaugummi einen Panzer bauen kann, und der vor allem weiß, wie das genau geht.”
“Ich brauche Kaugummi mit Erdbeergeschmack. Sonst kann ich euch nur einen Heißluftballon bauen.” Konterte David. “Aber egal. Helft mir mal die Wollemia nobilis hier kleinzuhacken und sie zum Feuer zu bringen.”
Michael hob eine Augenbraue. “Das Feuer ist auch von dir?”
“Natürlich.”
“Und das hast du wie gemacht? Mit einem dieser steinzeitlichen Stöcke, die man schnell dreht und so?”
“Erstens – wir sind vermutlich in der Steinzeit. Zweitens – nein. Ich habe ein Feuerzeug dabei.”
“Oh.”
Die drei verbrachten die Nacht damit, zwei weitere Äxte herzustellen, den Baum kleinzuhacken, ihn neben dem Feuer zu stapeln und sich den Magen vollzuschlagen. David, der in seiner Freizeit (also wenn er mal nicht unterwegs war, um in der Wildnis überlebensfähig zu sein (falls er jemals in die Steinzeit versetzt werden sollte)) offenbar in Wikipedia die Fehler korrigierte, erklärte Sebastian und Michael, welche der hierzulande anzutreffenden Beeren, Insekten, Würmer, Blätter und Gräser gut und welche schlecht verdaulich waren. Außerdem zeigte er ihnen Früchte, die an vorsintflutliche Äpfel erinnerten und nach einer Mischung zwischen Orange, Birne, Kokosnuss und etlichen anderen Dingen schmeckte. Die Chance nutzen die beiden selbstverständlich, um ihre zwei Tage ohne Nahrung reichlich aufzuholen.
Dem Festmahl folgte zunächst ein dreieiniges Zusammensein am Lagerfeuer, das zwar stark rauchte, aber das dafür auch relativ hell und warm war. David, Michael und Sebastian redeten eine Weile, unterhielten sich über ihr vorangegangenes Leben und schwiegen sich dazwischen nach Kräften an. Schließlich brach Michael das Schweigen.
“Es ist doch seltsam. Wie ein schlechter Film. Drei Leute werden durch was auch immer aus dem Leben gerissen, sind plötzlich im Urwald von vor weißichwieviel Millionen Jahren, machen ein Feuer und reden miteinander. Ohne dass ein böses Raubtier sie anfällt und verschlingt, ohne dass ein T-Rex über die Lichtung streift et cetera. Und… wir haben bisher einfach keine Probleme gehabt.”
Sebastian nickte zögerlich. “Du bist vor einem wilden Fleischfresser auf einen Baum geflüchtet. Und wir hatten eine Weile nichts zu essen. Und wir sind in der Steinzeit. Aber du hast recht, wir haben keine Probleme.”
“Wir kommen alle aus Deutschland.” Fügte David hinzu. “Das ist so richtig typisch un-film-typisch. Eigentlich sollten wir alle amerikanisch sein, einer von uns sollte schwarz sein, einer eine blonde Frau mit mehr Brust als Hirn, und der andere ein ausgedienter Ex-Offizier der Army.”
Michael und Sebastian grinsten. “Jo. Genau.”
Schweigen.
“Was machen wir jetzt?” fragte David und hüpfte etwas im Sitzen herum.
“Wir könnten mit sieben Schnitzeln jonglieren.” Murmelte Sebastian.
“Wie kommst du jetzt darauf?” lachte Michael.
“Hab ich mal irgendwo bei ‘nem Freund gehört.”
“Nein ich meinte eher so… jetzt hier.” Unterbrach David.
“Jetzt hier?”
“Ja hier halt. Die nächsten Wochen.”
“Hm.” Sagte Michael.
“Hm.” Sagte Sebastian.
“Hm.” Sagte David.
Alle drei schmunzelten.
“Ja gut, keine Ahnung, bauen wir, weißichwas, ein Baumhaus oder so, und dann schauen wir mal, dass wir überleben und so.” meinte Michael irgendwann.
“Ach jetzt bist du für das Baumhaus, ja?” meinte Sebastian.
“Sei still.”
Phase 2. Hereingepresst.
David, Sebastian und Michael verbrachten die geschlagene nächste Woche damit, sich einen geeigneten Platz auszusuchen, an dem sie sich niederlassen konnten. Sie stritten sich lange und ausführlich darüber, ob sie nun einen großen Baum wählten, auf dem sie ein ausgefallenes Baumhaus mit mehreren Etagen errichten würden, oder ob sie sich einen Berghang suchen würden, in dem sie eine Höhle bauen könnten. Die Ideen einer Steinernen Trutzburg®, eines Schwimmenden Ikea-Stecksystem-Wasserschlosses “FLØS” ® und die Idee eines gläsernen Elfenschlosses ™ wurden relativ schnell wieder verworfen, wobei die Ideen durchaus Anklang fanden.
Schließlich einigten sich die drei Gefährten, sich einen Platz etwas außerhalb dieser stark begrünten Gegend zu suchen. Die Vorbereitungen auf eine längere Reise wurden getroffen, und aus einigen großen Blättern, einigen dünnen Streifen von Baumrinde und einigen stabilen, aber dünnen Ästen, bauten sich die drei eine große Tragbahre. David erklärte mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit (”Ist ja kein Hexenwerk”), welche Blätter man wie falten musste, wo man wie Stützstreben einfügen musste, wie oft man welchen Knoten wo anwenden musste und viele andere Dinge, damit die Bahre ein Maximum an Tragfähigkeit bei einem Minimum an Gewicht mit sich brachte.
Das Minimum an Gewicht lag dennoch bei einigen Kilos, die es immer noch auf eine ungewisse Streckenlänge durch den Urwald zu transportieren galt.
“Meinst du, dass wir durch den Urwald überhaupt durchkommen? Mit dem ganzen Zeug hier?” Sebastian ließ sich neben der Bahre niedersinken, welche von den dreien mit Früchten, seltsamen kleinen Tierchen und diversen Sträuchern, Kräutern, Blättern und Gräsern beladen wurde. “Weil, das ist ja nun schon ein hübsches Stück, wo wir noch durch den Dschungel müssen, und das Ding hier ist schon sperrig.”
David blickte sich um und schaute in den Dschungel. “Wenn nicht, müssen wir uns den Weg halt freihacken.” Seine bereits verworfene Idee, auf einem Fluss in greifbarer Nähe aus dem Urwald hinauszuflößen, war aufgrund des akuten Flussmangels in greifbarer Nähe leider nicht so einfach zu realisieren.
“Na toll. Und wo hört der Dschungel auf? Sollen wir uns jetzt im schlechtesten Fall hundert Kilometer durch den Dschungel hacken und dabei noch so einen überdimensionierten Fruchtkorb mit uns rumschleppen?”
“In jedem billigen Film würden wir es innerhalb von einem Tag bis einer Woche aus dem Dschungel herausschaffen.” Unterbrach Michael die beiden. Dramatisch deutete er mit dem Finger in eine imaginäre Kamera. “Also auf in den Kampf, Kameraden. Können wir das schaffen?”
“Hm.”
“Ich weiß nicht.”
Michael funkelte böse in Richtung der beiden anderen. “Das heißt ‘Yo, das schaffen wir!’ und nicht ‘Hm, weiß net, keine Ahnung’. So werden wir es ja nie schaffen.”
David steckte die Hände in die Hosentaschen und drehte sich langsam um seine Achse.
“Was suchst du?” fragte Sebastian.
“Einen großen Baum. Damit einer da hoch klettern kann und sich nach irgendwas umschaut wo wir hin könnten.”
“Große Bäume gibt’s hier genug.” Sebastian sah sich um.
“Nein. Groß groß meine ich.”
“Joa. Gut. Gestern haben wir doch so einen gesehen, wo war denn der?”
“Der war in Richtung von… ähm… warte ich glaube Richtung Klo.” Meinte Michael.
David drehte sich noch einmal um und blickte an das Lagerfeuer. Von dort aus zog er eine imaginäre Linie in Richtung des behelfsmäßigen Plumpsklos. Sie hatten insgesamt acht solcher zweifelhaften Himmelsrichtungen. Das Klo, der Steinhaufen, der Umgefallene Verwitterte und Uralte Baum, der Pfad und noch weitere höchst kreative Namen, die ihnen die etwaigen Richtungen angaben, damit sie sich hier zurechtfanden.
Davids erster Vorschlag bestand zwar aus Himmelsrichtungen, die er anhand des Sonnenstandes, der Luftfeuchtigkeit und dem Chlorophyllgehalt der Blätter berechnet hatte (”Ist ja kein Hexenwerk”), aber Michael war diese Lösung zu trivial und Sebastian verwechselte sie dauernd.
Also gingen die drei Abenteurer nun etwa einen halben Kilometer Richtung Klo und dann fünfzig Meter Richtung Regenwasserpfütze und fanden dann dort den besagten großen großen Baum.
Vor Ort stellte David ein paar Seile her, die laut ihm einen Menschen von achtzig Kilo ohne Probleme tragen sollten.
“Ich steig da nicht hoch. Ich hab fünfundachzig Kilo.” Meinte Michael trocken.
Sebastian lachte und breitete die Arme aus. “Schau mich an.”
David schüttelte ebenfalls den Kopf. “Außerdem hab ich gesagt ‘ohne Probleme’. Da sollten fünf Kilo kein Unterschied machen.”
“Weißt du was mir daran nicht gefällt? Erstens – das ’sollten’. Und zweitens – wenn du schon sagst, dass ein 80-Kilo keine Probleme hat, dann heißt das doch, dass jemand mit mehr als 80 Probleme hat. Also…”
“Herrgott Michi, Mensch jetzt bind dir des Seil um und steig auf den verdammten Baum hoch! Mach jetzt kein Theater. Ich glaubs ja nicht.” Wetterte Sebastian los.
Widerwillig band Michael sich ein Ende des Seils um die Hüften und ruckte versuchsweise daran. Mithilfe einer Räuberleiter gelangte er an dem glatten Stamm weiter hoch auf den untersten Ast. Vorsichtig, um nicht auszurutschen, streckte er sich am Stamm aus und griff mit zitternden Fingern nach einigen kleineren Ästen, die aus dem Stamm ragten. Zuweilen knackte es etwas, doch die Äste hielten seinem Gewicht zitternd stand. Nur wenige Sekunden später hatte er sich um den Baum herumgehangelt und klammerte sich liegend an dem dickeren Ast fest, der etwas höher lag als der letzte.
“Und? Klappt es so?” fragte David von fünf Metern weiter unten.
“Ja ich denke schon. Mir ist nur nicht ganz wohl dabei.”
“Keine Angst. Uns auch nicht.” Lachte David. “Zieh das Seil hoch.”
Michael schnaufte und zog das Tau langsam nach oben. Er warf es über den Ast und auf der anderen Seite wieder herunter. “Habt ihr’s”?
“Jo. Kannst weiter klettern.”
“Hoffen wirs.” Murmelte Michael zu sich selbst und stemmte sich am Baumstamm nach oben. Vorsichtig stand er an dem Baum gelehnt da und griff nach einem Ast, der, kaum so dick wie sein Handgelenk, etwa anderthalb Meter über ihm aus dem Stamm wuchs.
Er zog sich daran nach oben und baumelte für einige Sekunden über sechs Meter feuchter Luft.
Der Ast begann zu knacken.
“Ich hasse das Geräusch.” Meinte Michael trocken.
“Wenn der Ast knackt?” Sebastian warf einen Blick hinüber.
“Nein. Wenn der da die Würfel wirft.”
“Schon.”
“Hehe.” Meinte ‘der da’ hinter dem Sichtschirm.
“Oh nein.” Meinten Sebastian und Michael gemeinsam.
Der Ast federte etwas und brach ein Stück weit ein. Hastig zog sich Michael weiter nach oben und griff nach dem nächsten Ast. Zitternd hing er mit einer Hand an dem halb durchgebrochenen Ast, mit der anderen Hand an dem Ast zwanzig Zentimeter weiter oben links und wild schlenkernden Beinen über einem nicht zu verachtend weit entfernten Waldboden.
Von unten drang eine Stimme herauf. “Wenn er jetzt loslässt hat er ein Problem.”
“Wie aufbauend.” Meinte die andere Stimme.
Michael packte den linken Ast krampfhaft fester und versuchte, den gebrochenen Ast loszulassen. Der Versuch ging gründlich in die Hose, da die Hand sich weigerte, den Ast zu verlassen. Was Michael ihr nicht sonderlich übel nehmen konnte – lieber einen halb abgebrochenen Ast als gar keinen.
Mit äußerster Willensanstrengung zog er sich höher. Sein jahrelang durchtrainierter Körper zeigte ihm nun, dass er keinesfalls jahrelang durchtrainiert war und seine Oberarme begannen bereits stark zu schmerzen. Das Brennen verstärkte sich auf ein Vielfaches, als Michael die Beine an den Stamm stützte und an ihm langsam weiter empor stieg. Schließlich schlang er die Beine um den linken Ast und ließ endlich die schmerzende Hand von dem gebrochenen Ast los.
“Was macht er da oben?”
“Mich würde eher interessieren, wie er von da wieder wegkommt.”
Michael sah sich um. Kein Ast in der Nähe, den er hätte greifen können. Er kam sich jetzt inzwischen sehr hilflos vor. Mit einer Hand und beiden Kniekehlen um den Ast geschlungen, hing er nun in fast sieben Metern Höhe kopfüber über dem Waldboden. Gesichert nur mit einem Seil aus Lianen, das in sechs Metern Höhe über einem Ast gespannt nach unten hing und sein sprichwörtlich seidener Faden war.
“Michi!” schrie David herauf. “Wenn du schon dort herumhängen willst dann dreh dich einmal um den Ast, damit die Liane dich hält!”
Schmerzhaft verzog Michael das Gesicht. “Und du bist sicher, dass die Liane mich überhaupt hält?” Er packte den Ast nun auch wieder mit der anderen Hand, die ein wenig aufgehört hatte, zu schmerzen, und kämpfte sich mit einem beherzten Ruck nach oben. Unversehens fand er sich auf dem Ast liegend wieder. “Erstaunlich.” Meinte er trocken.
“Steht da wirklich eine 20? Das ist… erstaunlich.” Michael blickte zwischen die Chips, wo der Würfel gefallen war.
Sebastian lachte.
Ein paar Augen erschienen knapp über dem Sichtschirm. “Ja Michael, das ist eine zwanzig. Können wir jetzt endlich weitermachen?” David seufzte genervt.
“Siehst du schon was von da oben?” rief Sebastian.
Michael drückte sich ein wenig nach oben und sah sich um. “Etwa eine Milliarde Baumstämme.”
“Weiter.”
“Ähm. Etwa fünf Milliarden Äste?”
“Nein. Weiter klettern.”
Michael seufzte und setzte sich vorsichtig hin. Er griff nach oben und packte den nächsten Ast, an dem er sich gebückt hochzog.
Unten entstand eine gemurmelte Unterhaltung.
Die nächsten paar Meter geschah nichts schwerwiegendes, was den Aufstieg noch mehr erschwert hätte oder gar zu einem unfreiwilligen und sprichwörtlichen Abbruch geführt hätte. Ohne Zwischenfälle, aber dennoch immer zögerlicher und vorsichtiger, erreichte er schließlich die sehr ungefähre 15-Meter-Marke.
“Ich sehe was!” schrie er nach unten.
“Was denn?” kam es synchron von unten herauf.
“Durch Kontinentaldrift kausierte Gesteinsformationen!” brüllte er hinunter.
Sebastian schaute David verständnislos an.
“Berge.” Meinte David. “Richtung merken und runterklettern!” rief er hinauf.
“Wie viel Seil habt ihr noch?” schallte es herunter.
David bückte sich kurz und tauchte nach wenigen Sekunden mit einigen Lianen auf. “Ich hab’ da mal was vorbereitet…” grinste er. “Ist ja kein Hexenwerk.”
Langsam, aber ruckhaft wurde Michael dem Erdbogen entgegen geliftet. Drei Meter über dem Erdboden war das Seil zu Ende. “Sehr witzig.” Meinte er.
“Schaukeln. Der Ast ist zwei Meter hinter dir.”
Die Liane knarzte bedrohlich , hielt aber stand. Michael griff nach dem Ast und zog sich darauf. Von dort aus gelangte er schließlich zurück auf den Erdboden.
“Gott sei Dank. Der Boden hat mich wieder.”
“Das hätte er in jedem Fall. Wo sind jetzt diese Berge? Und wie weit vor allem?”
“Warte… dort lang. Und ich schätze mal es sind… keine Ahnung… fünfzig Kilometer?”
“Autsch. Das schaffen wir ja nie.” Meinte Sebastian.
“Hm.” Machte David.
Sebastian und Michael wandten die Köpfe zu David.
“Er denkt.”
“Dann muss es wirklich kompliziert sein.”
Phase 3. Anpassung.
“Hoi Chris. Biste auch da?”
“Joa. Tut mir Leid dass ich so spät komme… was hab ich verpasst?”
Sebastian kicherte. “Haste dir dein Nest in deiner Tuba schon fertig gebaut?”
“Klappe.” meinte Chris und grinste.
“Jo gut. Setz dich, kannst sofort einsteigen.” David streckte sich hinter dem Sichtschirm hervor, griff nach der nächsten Cola Light und der nächsten Tüte Chips. “Weiter geht’s, Mädels.”
“Wie lange haben wir gebraucht?”
“Fast drei Wochen.”
“Mhm. Nicht schlecht. Weniger als ich erwartet habe.”
“Das ist doch mal was. Wenn wir hier noch eine Höhle finden –”
“Good Day! I am a fine sorcerer!”
“Good day, fine man. Would you like to join our noble quest?”
“Why, yes. Yes, I would.”
Die vier Personen am Tisch begannen zu lachen und ergingen sich für einige Minuten in der Rezitierung von diversen Passagen aus einem Film.
“Gut,” meinte David dann und dimmte spontan wieder das Licht. “Christopher. Wenn ich dich bitten dürfte.”
“WAAAAAAAAAGH!!!!!” wurde Sebastian unterbrochen.
Sie standen am Rande des Waldes. Unmittelbar vor ihnen erhob sich der erste Ausläufer einer gewaltigen Gebirgskette. Sie hatten sich drei Wochen lang durch den Dschungel gekämpft und waren dabei unermesslichen Gefahren ausgesetzt – nicht zuletzt diversen Kreaturen in der Größe von Kaninchen, die nachts urplötzlich aus dem Dunkel auftauchten und die Freunde verspeisen wollten. In diesen Zeiten wurden zwar einige peinliche Wunden verteilt, aber der quälende Hunger legte sich dafür in den kommenden Tagen, da stets Frischfleisch vorhanden war. Glücklicherweise immer das Frischfleisch des Angreifers. Davids allumfassendes Wissen ermöglichte zwar die Behandlung von Wunden mit Blättern und Kräutern, aber das Abziehen des Felles von den Angreifern zur späteren Herstellung überlebensnötiger Kleidung erwies sich selbst für David als eine schwere Herausforderung.
Eine ebenso große Herausforderung war es für alle drei, den Anblick zu ertragen, der sich ihnen nun bot.
Eine dürre Gestalt in großen Wanderschuhen und mit einem wilden Sammelsurium aus verschiedensten Fellen bekleidet stürmte ihnen von einem nahen Felsüberhang aus entgegen und grinste dabei unerträglich breit.
“Hoi Chris.” meinte David, als die Gestalt vor ihnen ankam.
“Öh. David? Toll. Ich hab gedacht, toll, da laufen Menschen, geh ich mal dahin und tu mich mit denen zusammen – und dann kommst du.”
Sebastian und Michael blickten ratlos von David zu Christopher und zurück. “Ihr kennt euch?”
“Was soll denn das? Ist das jetzt, ich zitiere, ‘rollenspieltechnisch gut umgesetzt’? Zitat Ende?”
Chris grinste. “Ha warum denn, wir kennen uns doch, oder nicht?”
“Ich verlange, dass wir rollenspieltechnisch gut umgesetzt eine Höhle finden.”
Michael deutete urplötzlich den Hang hinauf. “Da schaut mal, ich sehe eine Höhle! Wir sind gerettet!”
Hinter dem Sichtschirm tauchten zwei zusammengekniffene Augen auf und richteten sich zornig auf Michael. “Sei froh, dass ich so ein netter Mensch bin. Sonst würdest du gleich gegen eine Wand rennen. Wiederholt. Schnell.”
“Ha wenn ihr euch kennt, finde ich ne Höhle. Is doch logisch. Wenn ihr euch keine Gedanken drüber machen müsst wie ihr euch nen Hintergrund für ihn ausdenkt, krieg ich auch nen Vorteil.”
Der GM verdrehte die Augen und versank wieder im Schatten bei seinen Würfeln.
Die anderen drehten sich um. “So was. Die hab ich ja noch gar nicht gesehen.” meinte Christopher.
“Ja, so ein Schicksal.”
“Sowas passiert.”
“Meine Güte.”
“Unglaublich.”
“Faszinierend.”
“Ich bin hin und weg.”
“Eine Höhle.”
“Eine echte, dunkle, trockene Höhle.”
“Im Berg.”
“Ohne Bären.”
“Oder Säbelzahntiger.”
“Oder Dinosaurier.”
“Hä?”
Drei Köpfe drehten sich zu Christopher um. “Ach, der weiß es ja noch gar nicht.”
David weihte Christopher ein, während Sebastian und Michael den Proviantschlitten ein wenig den Hang hinauf zogen, bis zu einem Felsüberhang, in dem etwas von Efeu und Farn verdeckt ein Höhleneingang von etwa zwei Meter prangte.
Sebastian und Michael untersuchten die erstaunlich große Höhle, die sich zwar im Schnitt nur einen Meter hoch, aber dafür sicher zwanzig Meter weit in den Berg hinein zog und in der nur an einer Stelle ein wenig Wasser durch den Fels drang. Die Decke der Höhle war verhältnismäßig stabil, und nur wenig Staub rieselte herunter, wenn man darüber strich. Die Vier einigten sich darauf, dass die Höhle bewohnbar war, suchten den restlichen Tag eine Menge Sträucher, Büsche, Lianen und Äste zusammen und versteckten den Höhleneingang breitflächig, sodass jedes vorbeistreifende Tier automatisch desinteressiert in die andere Richtung schauen musste.
In Wirklichkeit musste jetzt jeder vorbeistreifende Mensch unwillkürlich an diese Stelle schauen und den Höhleneingang… nicht erahnen, er würde eher wissen, dass dort ein Höhleneingang “versteckt” worden wäre.
Am nächsten Tag standen alle mit Sonnenaufgang auf und suchten sich ein wenig zu Essen. Der Vorrat an Früchten schwand zusehens.
“Wir sollten uns wieder mal ein paar Vorräte anlegen. Und ich will Fleisch.” sagte David mit vollem Mund.
“Ih-bäh. Fleisch.” meinte Michael und verzog das Gesicht. “Ich komme auch gut mit den Früchten klar.”
“Doch, die Idee ist gut.” “Joa.” “Fleisch.” “Und wie bekommen wir Fleisch? Mit Speeren?”
David grinste. “Jup. Speere. Und Äxte. Bauen wir uns halt schnell welche. Ist ja kein Hexenwerk.”
Die Gruppe nickte zögerlich.
Noch vor Mittag waren eine weitere Axt für Christopher und eine Menge Speere fertig. Die Speere waren laut David viel zu einfach, da nur angespitzt, aber keiner hatte allzu viel Lust, Steinspitzen herzustellen. Und Michael ging sowieso ohne Speere auf die Jagd nach Früchten.
“Ich finde, die lassen sich mit der Axt viel einfacher erlegen… mit dem Speer sind die so ungenau zu treffen… ich bin eher Nahkämpfer als Fernkämpfer. Jedenfalls bis ich auf unnatürliche Weise lernen sollte, Feuerbälle und Schattenknubbel zu werfen.”
“Du nimmst den Schlitten mit.” schlug Sebastian vor.
“Ja wie, den ganzen Schlitten?”
“Nein, tut mir Leid. Nur die Ladefläche, die Kufen nehmen je einer von uns mit, und der letzte bekommt die Schnur.” sagte David mit todernstem Gesicht.
Michael zog eine Grimasse, packte die Schnur und zog mit dem Schlitten Richtung Waldrand.
“So, der Sack is weg, hauen wir schnell ab!” meinte Sebastian lautstark und drehte sich grinsend um. Eine Sekunde später flog dicht an seinem Ohr ein Büschel Gras mit einer Handvoll Erde vorbei. Lachend zog er den Kopf zwischen die Schultern und hechtete in Deckung.
“Also, Lagebesprechung.” meinte Christopher. “Wir finden den Feind, Sebastian lenkt ihn ab, Wir kommen über die Flanken und springen ihn mit den Speeren an. Dann hat Sebastian die Chance, mit zwei Äxten ihn K.O. zu schlagen, und wir geben ihm alle zusammen den Rest.”
David stutzte. “Du weißt, dass wir uns nicht auf einen Rachefeldzug gegen einen Brontosaurier begeben, der dein Haus niedergetrampelt hat? Wir wollen was zum Essen finden. Also Kaninchen oder so was.”
“Urzeitkaninchen.” warf Sebastian ein.
“Dann eben Urzeitkaninchen. Die waren noch weiß und rosa und hatten keine Zähne.”
“In der Urzeit war alles viel böser und gefährlicher.”
“Dann waren die Urzeitkaninchen eben schwarz wie die Nacht, hatten rote leuchtende Augen, Vampirzähne, einen Giftstachel, viele harte Knochenplatten und alles an ihnen war tödlich.”
“Okay, genug jetzt. Wir jagen einfach ein paar Kleinstlebewesen und essen sie auf. Am Feuer.” meinte Sebastian und packte sich zwei Speere und eine Axt.
David und Christopher nahmen sich ebenfalls jeder eine Axt, ein paar Speere und alle drei suchten sich eine andere Richtung aus, in der sie in den Dschungelurwald zurückgingen.
David war schlussendlich am Abend der einzige, der wirklich mit Fleisch zurück kam. Aber auch er hatte nur ein undefinierbares Wesen erlegt, das außer Haut und Knochen nur wenig Fleisch aufweisen konnte. Christopher hatte dafür ein paar Lianen mitgebracht, aus der er ein Netz bauen wollte, und Sebastian hatte in einer Schrecksekunde erfolgreich einen verwitterten Baumstamm umgebracht. Michael hatte als einziger eine lohnenswerte Beute dabei, aber auch er war nicht zufrieden über die Früchte.
“Ich hatte im Wald den Eindruck, dass ich mehr gesammelt hätte.”
“Gibs zu, du hast dich sattgefressen.” meinte Chris.
“Nix hab ich. Es war mehr. Bei meinem Glück haben irgendwelche Viecher mir alles runtergefressen, während ich den dummen Schlitten rumziehe.”
So verbrachten sie diese Nacht zwar einigermaßen satt, aber ohne wirklich zufrieden zu sein.
Am nächsten Morgen teilten sie sich in zwei Gruppen auf.
Michael und Chris wollten sich nach Möglichkeiten für einen längeren Aufenthalt umsehen, darunter fielen ihrer Meinung nach eine fließende Wasserversorgung, eine ordentliche Toilette, eine feste Kochstelle, bequeme Schlafmöglichkeiten, Verteidigungsanlagen, ein Lager für Essensvorräte, ein Materiallager, ein Trocken-Holz-Lager, ein Wohnzimmer bzw. Aufenthaltsraum, ein Trimm-Dich-Pfad, ein Spiegel, viele scharfe und spitze Gegenstände, Stoff oder Leder, Schnüre, Schreibmaterialien, eine “Welcome”-Fußmatte, einen Festnetzanschluss mit Internet, eine Wasserzisterne mit Regenwasserzufluss, ein Waffenschrank und ein hübscher Wandteppich.
Derweil fielen Sebastian und David die Aufgabe zu, erneut auf Jagd zu gehen.
Die beiden entfernten sich von der Höhle, schwiegen sich einige Minuten an, während sie den Abhang hinunter stiegen, und kamen dann am Waldrand an.
“Also, wie gehen wir’s an?” fragte Sebastian.
“Wir suchen uns ein Tier, fangen es, schlagen es tot, bringen es zur Höhle und essen es.”
“Meister! Jetz mal im Ernst, wie fängt man so ein Tier?”
“Mit einem Netz vielleicht. Oder mit einer Fallgrube. Oder du nimmst Bambusstöcke, eine Feder, Stachelschwein-Nadeln, einen giftigen Frosch und hast ein tödliches Blasrohr.” David schaute Sebastian ernst an.
Sebastian stutzte. “Das geht?”
David nickte eifrig. “Du kannst dir auch eine Schleuder bauen. Hier, hab ich mir gestern Nacht am Feuer gemacht. Mir war langweilig.” Er reichte Sebastian ein Stück Leder mit zwei Schnüren. Sofort nahm er es wieder an sich, bückte sich nach einem Stein und legte ihn in die Schleuder. “Pass auf.” sagte er grinsend. Die Schleuder begann zu wirbeln, und kurz darauf zischte der Stein waagerecht nach vorne ins Dickicht. Beinahe Augenblicklich ertönte ein markerschütterndes Brüllen.
“Ups.” tönte es hinter dem Sichtschirm hervor.
David und Sebastian zuckten beide zurück und Sebastian riss eine Axt aus seinem Gürtel.
Eine undefinierbare Masse aus Muskeln, Fell und Zähnen brach aus dem Dunkel hervor und sprang auf eine freie Stelle vor den beiden. David griff schnell nach einem improvisierten Speer, rammte ihn vor sich in den Boden und legte ihn schräg nach vorne, sodass das Tier hineinspringen möge. Sebastian ließ die Axt fallen, griff ebenso nach einem Speer, und das Tier sprang. Gerade noch rechtzeitig riss Sebastian den Speer nach vorne, um ihn dem Biest genau durch den Unterkiefer zu rammen. David erkannte die Chance, zog seinen Stock aus dem Boden und stach ihm dem vor Schmerzen wildwütigen Tier in die ungeschützte Seite. Es brüllte noch lauter, taumelte zur Seite und versuchte noch einen Prankenieb an Sebastian, der allerdings voraussichtlich in Deckung gehechtet war. Er ergriff seine Axt, die am Boden lag, hob sie über den Kopf und machte sich für einen gewaltigen Schlag auf die Stirn des Tieres gefasst.
“Na?” fragte David nach drei Sekunden.
“Ne. Geht nicht.” meinte Sebastian erschöpft. “Der tut mir irgendwie leid. Guck doch nur wie er schaut.”
Während sich Sebastian und David von der Höhle entfernten, diskutierten Chris und Michael darüber, was sie wirklich realisieren konnten und wie.
“Also erstmal würde ich mich um Verteidigungsanlagen kümmern. Wenn wir sicher sind, können wir uns in aller Seelenruhe um die restlichen Dinge kümmern.”
“Das halte ich erstmal für eine nachvollziehbare Idee. Was stellen wir uns unter Verteidigungsanlagen vor? Wassergraben, Burgtor, Fallgitter, …”
“Palisadenwälle, Selbstschussanlagen, Stacheldraht, Todeszone…”
“Patrouillen um den Elektrozaun.”
“Lasergesteuerte Boden-Luft-Raketen.”
“Gut. Was davon lässt sich realisieren?”
“Wassergraben, Palisaden, … äh … ja das wars dann auch.”
“Erbärmlich wenig. Dafür haben wir eine Höhle, die wir tarnen können. Und zudem noch schützen. Außerdem haben wir Feuer.”
“Wenn wir Feuer haben, brauchen wir Öl. Dann können wir noch so brennende Ölfelder machen, wie in diesem Computerspiel.”
Wir haben kein Öl. Außerdem haben das die Leute damals wirklich so gemacht, die Idee hatten nicht die Designer und Programmierer von diesem Spiel.”
“Dann brauchen wir etwas anderes Brennbares.”
“Stroh?”
“Hm.”
“Du hast recht, er schaut wirklich traurig.”
“Wollen wir ihn laufen lassen?”
“Er ist tot. Er weiß es nur noch nicht. Außerdem brauchen wir was zum Essen. Das ist schonmal ein guter Anfang. Wenn wir noch mehr Monster auf die Art schaffen, dann haben wir erstmal die nächste Woche keine Probleme.”
“Ja toll. Und was machen wir jetzt mit ihm?”
“Wir bringen ihn um.”
“Dann mach du das mal.”
“Warum ich? Du hast ihn eigentlich erlegt. Bring ihn um.”
“Ich kann nicht, das hab ich doch schon gesagt!”
“Willst du ihn hier verbluten lassen?”
“Wenn du ihn nicht umbringst, dann ja, dann will ich das.”
“Stroh und Feuer, das alles gut verteilt auf die Fläche hier und auf die hier. Da vorne auch, aber so dass man da und da noch durch kann.”
“Shit.”
“Was.”
“Wenn es mal regnet, ist das Stroh nass. Dann geht das nicht mehr. Außerdem glaube ich auch nicht, dass es morgens geht, weil da ja dann überall Tau ist.”
“Hm. Shit indeed. Jeden Tag neues Stroh ausstreuen ist dumm. Da sollten wir lieber das sein lassen und mehrere Palisaden bauen.”
“Mehrere Verteidigungsringe?”
“Klingt doch gut, oder?”
“Naja wir müssten wirklich viel Holz besorgen.”
“So ein Baum ist schnell gefällt. Vor allem wenn vier von uns je einen fällen. Und dann ist immer noch die Chance, dass wir aus einem Baum vier oder fünf angespitzte Pfähle raushauen können.”
“Und was glaubst du, wie viel wir holen müssten? Schauen wir mal, der Höhleneingang ist zwei Meter breit. Wenn wir im Abstand von drei Metern den ersten Wall bilden wollten, müssten wir zwei Meter schräg, zwei Meter parallel, zwei Meter schräg. In der Mitte lassen wir einen Meter frei und machen dafür eins-fünfzig davor einen zwei Meter breiten Öffnungsschutzwall.”
“Klingt gut. Bisher haben wir also… zwei, vier, sechs, minus einsfünzig sind vierfünfzig, plus zwei vorne sechsfünfzig. Rechnen wir zur Sicherheit mit sieben Metern. Ein Baum hat durchschnittlich fünfzig Durchmesser, das sind vierzehn Stämme.”
“Aus vierzehn Stämmen, sagen wir mal da kriegen wir drei Pfähle zu zwei Metern… aber das ist zu hoch, oder? Wir stellen die besser nicht hoch, sondern lieber so schräg in die Erde gerammt, dass es mehr ein Hindernis als eine Wand ist.”
“Stimmt, eine Wand ist einfacher umzuschmeißen. Und aus vierzehn Stämmen … doch, zwei Meter ist gut, da würden wir dann… einen Meter in die Erde… meinst du das reicht? Einen Meter in der Erde, einen draußen?”
“Bestimmt. Lass uns mal einen Baum fällen, dann können wir ja testen.”
“Jo, ich hol die Äxte.”
“Meinst du, er ist jetzt tot?”
“Stups ihn mal an.”
Sebastian nahm den Speer und piekste die Kreatur in die Seite. Die Kreatur zog die Lefzen ein wenig nach oben.
“Nein. Nein, er lebt noch.”
“Hm. Warten wir noch.”
“Hast du das gehört?”
“Was?”
“Das Knacken. Von dort drüben.”
“Äh. Nein.”
“Ich schau mal was da ist.”
“Ich komm schnell mit.”
“Sooo. Gefällt, ausgeputzt und sogar in drei Stücke à zwei Meter geteilt. Wie machen wir da jetzt weiter? Einfach im 45-Grad-Winkel in den Boden hauen? Oder sollen wir ein Loch buddeln und ihn reinstecken und wieder einbuddeln? Wahlweise könnten wir ihn auch abstützen.”
“Ich denke mal dass das reinhauen nicht reichen wird. Also Loch buddeln und reinhauen.”
“Beides?”
“Ja schon.”