Yirame, die Schurkin

Der Elf stand vor der Bühne, auf der sich drei Menschen befanden. Alltagsmenschen, nicht einmal für Wesen ihrer Art besonders gutaussehend. Schon fast wie Zwerge, möchte man meinen. Unzivilisiert, grob, und … nun, nicht hässlich, aber… ungutaussehend.
Der Auktionator auf der Bühne kündigte den nächsten Artikel an, der nun angeboten wurde. Ein Einhänder wurde hochgehalten. Er schien von Zwergen geschmiedet worden zu sein. Grob, aber effizient. Der Preis stimmte auch, es wäre mit allen Vorteilen, die dieses Schwert bieten würde, eine gelungene Investition.
Sevirot hob die Hand und bestimmte das Erstgebot.
Einige weitere Hände gingen hoch, der Preis stieg etwas. Es war allerdings immer noch weit unter Wert, und Sevirot erhöhte sein Gebot. Die Hände der anderen Interessierten gingen nun spärlicher nach oben.
Sevirot schaute sich im Raum etwas um. Früher könnte dieses Gebäude ein Stall gewesen sein. Menschen, dachte er sich. Was erwartete man schon von ihnen.
Schweigen herrschte urplötzlich im Raum, und die Menge drehte sich nach hinten um. Sevirot erschrak. Was hatte er verpasst? Er drehte sich ebenfalls um und erblickte eine unscheinbare Elfe weit hinten im Raum, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit sichtlich unwohl fühlte.
Der Auktionator räusperte sich. “Hundert?” wiederholte er.
Sevirot drehte sich wieder zum Schwert hin. Hundert Gold? Wir kommen langsam in die höhere Preisklasse. “Hundertzehn.” meinte er mit erhobener Stimme. Das Schwert war sicher Zweihundert wert. Es war noch immer Spielraum.
“Zwanzig.” kam es von hinten.
Sevirot drehte sich um und sah schon wieder die Elfe, die offenbar ebenso gern das Schwert hätte wie er. “Dreißig.”
Sofort kam die Antwort. “Fünfundvierzig.”
Sevirot grinste und drehte sich wieder um. Aha, sie kommt an ihre Grenzen. Jetzt nur noch in Fünferschritten.
Sevirot wartete ein paar Sekunden. Keiner schien bereit zu sein, so viel für das Schwert zu bezahlen. Er ging ein paar Schritte weiter vor und besah sich das Objekt noch einmal. Eindeutig, ihm war es das wert. Er nickte.
“Einhundertsechzig.”
Er hörte von hinten, wie die Elfe nach vorne kam und sich neben ihn stellte. Auch sie betrachtete das Schwert ein paar Sekunden.
Er schielte aus dem Augenwinkel zu ihr herüber. Sie war hübsch, vielleicht etwas zu klein für seinen Geschmack.
“Hundertfünfundsiebzig.” sagte sie und kniff die Lippen zusammen.
“Ach komm schon. Hundertachzig.” er wurde langsam genervt. Dieses Schwert wollte er haben, es würde ihm recht nützlich sein. Was wollte dieses Kindchen überhaupt mit einem Schwert?
“Ich denk nicht dran. Zweihundert.” sie grinste ihn an. “Meins mein meins.”
Sevirot schluckte. Zweihundert war ein Wort. Aber das Schwert…
“Zweihundertzwanzig.” Er ließ nicht locker.
Die Elfe neben ihm kramte in ihren Taschen. Nach einigen Sekunden nickte sie bedächtig. Sie warf einen Blick auf die Tafel der Dinge, die noch angeboten wurden, und meinte dann mit trockener Stimme “Zweihundertvierzig.”
Sevirot schüttelte ärgerlich den Kopf. Zweihundertvierzig für dieses Schwert. Sie musste verrückt sein. Es würde ihn aber noch mehr ärgern, wenn er dieses Schwert nicht bekommen würde. “Zweihundertsechzig.”
Der Auktionator tupfte sich den Schweiß von der Stirn. “Zweihundertsechzig für das Schwert hier.”
Die Elfe schnaubte. “Das ist doch nicht normal” grummelte sie und drehte sich um.
Sevirot schluckte schwer. Der Auktionator auf der grob gezimmerten Holzbühne zählte das Gebot herunter und bestätigte Sevirot als Höchstbietenden.
“Zum Dritten. Verkauft an den Elf in der Rüstung.”
Die Menge applaudierte höflich.
“Glaub bloß nicht dass du jetzt stolz sein kannst.” murmelte ihm eine weibliche Stimme ins Ohr.
Sevirot drehte sich um, konnte aber niemanden sehe. Die kleine Elfe von eben war auch verschwunden, doch er meinte, ihre Stimme wiedererkannt zu haben.
Sevirot nahm das Schwert an sich und verließ das Auktionhaus der Menschen.

Wenige Tage später hörte er von einem weiteren Schwert. Er hatte schon lange nach diesem Schwert gesucht. Und jetzt, da er auch das dazu passende Gegenstück hatte, würde es ihm mehr als alles andere nützen. “Dreihundert sollten reichen,” meinte er und packte ein paar Geldsäckel ein. Im Auktionshaus angekommen, erblickte er schon von weit hinten die Elfe von neulich, die sich mit ihm um das Schwert gestritten hatte.
Leise trat er von hinten an sie heran und wollte ihr sachte die Hand auf die Schulter legen.
Da rammte sie ihm unwahrscheinlich schnell den Ellbogen in seine Nierengegend.
“Das ist mein Schwert. Ich werde es bekommen. Vergiss es gleich.”
Trotz des plötzlichen und durchaus schmerzhaften Angriffs musste Sevirot lachen. “Wie heißt du?”
“Yirame. Merk dir den Namen, dann wirst du wissen, wer dir das Schwert weggenommen hat.”
Sevirot nickte. “Yirame. Gut, Yirame, ich bitte dich, mir das Schwert einfach zu überlassen. Ich weiß genau, dass ich es bekommen werde. Ich bin einfach… wohlhabender als du.”
Yirame drehte sich um und funkelte ihn ärgerlich an. “Wohlhabender, ja? Na wunderbar. Es gibt auch Leute, die für ihr Leben arbeiten müssen. Ich verdiene mir mein Gold mit harter Arbeit. Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, weil ich keine vernünftige Ausrüstung habe, werde ich auf der Straße leben müssen.” Sie taxierte ihn von oben bis unten. “Also wirklich.” meinte sie und trat nahe an ihn heran. Während sie ihm kindlich-erbost in den Bauch knuffte, bemühte sie sich einen ernsten und nach Möglichkeit sehr erzürnten Blick zu bewahren. Es misslang kläglich und sie drehte sich wieder weg und begann schüchtern zu lachen.
Sevirot grinste und konzentrierte sich nun auf die Angebote. Yirame stand neben ihm, unterhielt sich aber nicht weiter mit ihm. Dann wurde der Artikel aufgerufen. Das Schwert wurde hochgehalten, und das Einstiegsgebot wurde genannt.
Direkt neben Sevirot wurde eine Stimme laut.
“Ich biete Zweihundert.”
Sevirot, der gerade einen Schluck aus seiner Feldflasche nehmen wollte, verschluckte sich fast.
“Das ist nicht dein Ernst.”
Totenstille herrschte in dem Raum. Der Auktionator fixierte sie mit seinem Blick und stöhnte dann leise.
“Yirame. Das…” Sevirot deutete auf das Schwert, dann auf sie. Er ließ den Arm sinken. “Du machst mich pleite.” flüsterte er. Dann, mit erhobener Stimme: “Zweihundertsechzig.”
Der Auktionator blickte entschuldigend in die Mensche und zuckte mit den Schultern.
“Dreihundert. Das Schwert bekommst du nicht.”
Sevirot überlegte. Er hatte dreihundert Gold mitgenommen. In seiner Notreserve waren noch etwa fünfzig Gold. Und er wusste, dass er noch Gold auf der Bank hatte. Das Gold auf der Bank aber war zu weit entfernt, da würde er nicht dran kommen. Auch wenn es genug war.
“Gut. Dreihundertfünfzig.”
Yirame blickte ihn erbost an, schwieg aber.
Sie trat einen Schritt zurück und knuffte ihn in die Schulter. “Fiesling.”
Sevirot verkniff sich mühsam ein Grinsen und deutete auf das Schwert. “Das gehört jetzt mir.”
Der Auktionator zählte herunter, und bestätigte Sevirot wieder als Höchstbietenden. Dieser griff nach seinem Geldbeutel und wollte ihn dem Auktionator geben. Doch seine Hand griff ins Leere.
Erschricken wanderte sein Blick nach unten und suchte die Stelle, an der er normalerweise seinen Geldbeutel hängen hatte. Doch da war nichts. Er tastete erst seinen Gürtel ab, dann seine Taschen, dann den Rest – doch er fand nichts.
Der Auktionator nickte. “Wenn sie nicht bezahlen können, geht das Objekt an die Person mit dem nächsthöchsten Gebot, das wissen sie?”
Sevirot nickte und suchte den Boden um sich herum ab. Doch nirgends ein Geldbeutel.
Sevirot blickte Yirame an. “Da hast du ja nochmal Glück gehabt. Wenn ich meinen Geldbeutel jetzt dabei hätte…”
Yirame nickte mit ernsten Gesichtsausdruck und ging dann vor zur Bühne. Sie gab aus einem großen Beutel eine große Anzahl Münzen an den Auktionator und nahm das Schwert an sich. Sie winke Sevirot zu, der nun eindeutig frustriert war.
Beide verließen das Gebäude, und Sevirot sprach sie an. “Was willst du eigentlich mit so einem Schwert?”
“Kämpfen, Fremder. Ich muss überleben. Und wenn ich überleben muss, ist mir jedes Mittel recht.” Sie grinste frech und ging. Als sie ein paar Schritte entfernt war, drehte sie sich halb um und ließ schüchtern grinsend einen leeren Beutel fallen. Eine einzelne Goldmünze rollte heraus. Dann bog sie um eine Straßenecke.
Sevirot eilte ihr nach und bückte sich nach dem Beutel. Seine Augen weiteten sich. Sein Zeichen prangte unübersehbar auf dem Beutel.
“Schuft.” meinte er nur und grinste.
Dann stand er seufzend auf und ging leichten Schrittes nach Hause.