wir sehen uns wieder, Fremder
![]()
Erneut grinste Yirame. Sie hatte heute erstaunliches Glück. All ihre Schläge schienen eine Schwachstelle in der Rüstung ihrer Gegner zu finden. Leichtfüßig kletterte sie die steile Höhlenwand empor und kletterte durch die Schatten. Die nächste Wache bemerkte sie nicht, bis Yirame sich etwa fünf Meter über ihr befand. Leise stieß sie sich ab, segelte durch die Luft und zog im Fallen ihre Klingen. Ein unnatürlich leises Geräusch zeugte davon, dass sie direkt hinter der Wache landete, die nun erschrocken herumwirbelte. Ein weiteres unnatürlich leises Geräusch zeugte vom raschen Tod der Wache.
Amüsiert nahm Yirame die Geldbörse an sich und durchsuchte die fahrlässige Wache. Außer einigen Silbermünzen fand sie nichts, und so huschte sie schnell tiefer in die verwundenen Gänge der Höhle hinein.
“Noch eine Abzweigung” murmelte Yirame, kramte nach einem kleinen Zettel und beschloss nun doch, eine Karte anzufertigen.
Kurzerhand entschloss sie sich dann für den linken Gang, der etwas steiler nach unten führte, und verschwand im Schatten zwischen den spärlich aufgestellten Fackeln.
An zwei weiteren Wachen huschte sie unbemerkt vorbei, nicht ohne auch ihnen den Geldbeutel abzunehmen. Die dritte Wache merkte allerdings recht früh auf. Yirame stand im Dunkel, zehn Meter entfernt, unbeweglich. Die Wache schien kampferprobter zu sein, denn sie begab sich in Verteidigungshaltung und zog ihr Schwert.
Yirame duckte sich etwas tiefer in die Schatten und besann sich auf die Lektionen, die ihr Gildenmeister ihr seinerzeit beigebracht hatte. Langsam sank ihre Pulsfrequenz, und ihr Atem wurde flach. Ohne Geräusch steckte sie ihre Klingen in die gut gefetteten Scheiden und griff nach der geschulterten Armbrust. In vollkommener Stille legte sie einen Bolzen auf und spannte. Die Wache voraus wurde etwas unruhig, als ahne sie die drohende Gefahr. Bedächtig legte Yirame die Armbrust an, zielte – und drückte ab.
Just in diesem Moment riss die Wache ihren Schild nach oben, und der Bolzen rammte sich tief in das Holz. Yirame zögerte keine Sekunde. Die Armbrust hatte sie bereits wieder geschultert, und während sie eine enttäuschte Schnute zog, sprang sie mit abnormaler Schnelligkeit auf und stürmte auf den Gegner zu. Dieser brüllte seinerseits zornig und bereitete sich auf den Aufprall vor.
Nur wenige Meter vor ihm brach Yirame aus den Schatten hervor und schlug mit einer silbrig glänzenden Klinge, die sie plötzlich in der Hand hatte, nach der Waffe der Wache. Der Söldner wollte parieren, doch Yirame drehte sich mit elfischer Eleganz weg und duckte sich gleichzeitig unter seinem Schild durch. Aus dem Stiefel riss sie in derselben Bewegung einen weiteren Dolch, den sie in der Hand drehte, während sie wie aus dem Nichts hinter der Wache aufsprang. Der Soldat duckte sich hastig, und Yirame trat ihn etwas weniger elegant als sonst in den Hintern. Damit kippte der Soldat um, drehte sich auf den Rücken – und bekam sofort einen Bolzen mitten zwischen seine Augen.
Yirame lockerte ihre Schultern und ging neben dem Soldaten in die Hocke.
“Mann, du warst ja richtig gut. Respekt.”
Da hörte sie dicht hinter sich einen metallischen Schlag.
Sie stieß sich ab und wirbelte zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, um dem fallenden Soldaten auszuweichen, dem ein riesiger, blau schimmernder Zweihänder zwischen den Schultern steckte.
Eine weitere Gestalt trat locker aus dem Schatten heraus. Sie trug eine nachtschwarze Rüstung mit seltsamen blauen Runen, lange Elfenohren traten unter dem Helm hervor, und die Gestalt reichte ihr die Hand.
Yirame griff nach der Hand, etwas irritiert über diese unerwartete Hilfe, und zog sich empor.
“Hallo Yira,” meinte eine männliche Stimme unter dem Visier hervor, “lange nicht gesehen.”
Yirame legte den Kopf schief. “Wir kennen uns?”
Der mächtige Ritter legte den Helm ab und grinste. “Natürlich kennen wir uns. Dich würde ich unter hunderten hübscher Elfinnen heraussuchen können.”
Yirame beäugte das fremde Gesicht argwöhnisch. Sie kannte niemanden, der so gut aussah… und schon gar niemanden, der solch eine Rüstung tragen könnte.
“Komm schon. Du musst sicher auch hier runter, oder?” meinte der Elf und zog wie aus dem Nichts eine Karte hervor. “Also wo bist du schon entlang gekommen? Hier unten ist das reinste Labyrinth.”
Yirame zögerte noch einen Moment, zog dann aber ebenfalls ihre Karte hervor. Nach wenigen Minuten hatten sie die beiden Zettel vervollständigt.
“Gut, dann schlage ich vor, sehe ich mich mal hier drüben um, und du vielleicht dort hinten. Das sieht auch noch vielversprechend aus.” meinte der Fremde.
Yirame nickte. “Wie heißt du? Ich kann mich noch immer nicht an dein Gesicht erinnern, beim besten Willen.”
Der Elf lachte wieder leise. “Sevirot. Und bevor du fragst, ich bin ein Todesritter. Kennst du mich wirklich nicht?”
Yirame schüttelte enttäuscht den Kopf und nahm die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. “Wirklich nicht. Glaub mir, an jemanden wie dich würde ich mich erinnern.” meinte sie. Dann lächelte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte Sevirot einen Kuss auf die Stirn. “Dann bis dann, Fremder” flüsterte sie ihm ins Ohr, sprang empor, drückte sich auf seiner Schulter ab und verschwand an der Decke im Schatten. Geräuschlos huschte sie einige Meter weit weg und blickte zurück zu dem Elfenkrieger, der verwundert die Stelle betrachtete, an der sie eben verschwunden war.
Schmunzelnd sprintete sie durch die Gänge davon.
…
Endlich hatte sie diese Höhle gefunden. Yirame kauerte auf einem kleinen Vorsprung weit über den Banditen, Söldnern und Handlangern, die geschäftig in der geräumigen Höhle herumwuselten. Es waren weit mehr als sie erwartet hatte. Vielleicht hätte sie Sevirot doch nicht so leichtfertig abhandeln sollen. Er wäre sicher sehr nützlich gewesen, und sei es nur als Köder.
“Woher hat der überhaupt meinen Namen gekannt?” fragte sie sich.
Von weiter unten drangen laute Rufe herauf, und sie duckte sich instinktiv. Aus einem kleinen Nebeneingang kam ein Mensch, in Begleitung von zwei selbst für elfische Maßstäbe spärlich bekleideten Frauen.
Er setzte sich an einen Tisch, zog eine Karte hervor und begann sie zu studieren. Dann machte er sich eifrig Notizen. Das Klima in der Höhle schien seit seiner Ankunft eisiger geworden zu sein. Alle benahmen sich vorsichtiger, alle waren leiser, keiner lachte mehr laut auf.
“Eindeutige Beweislage. Das ist er.” Yirame schürzte die Lippen und sah sich um. Der Oberschurke saß am komplett anderen Ende der Höhle. Selbst für sie wäre es schwer, dort hin zu kommen, ohne gesehen zu werden.
Der Zufall hatte aber anscheinend seine Hand im Spiel, denn kaum als sie aufstehen wollte, ertönten Schreie. Aus dem Haupteingang fast direkt unter ihr stürmte ein Mann in gestreiftem Oberteil. Yirame konnte nicht verstehen, was er sagte, aber als alle nahestehenden Gehilfen nach ihren Waffen griffen, war die Sachlage sowieso klar. Sie lauschte auf die Geräusche in der Höhle, und versuchte ein ganz bestimmtes Geräusch herauszuhören.
Da war es.
Ganz leise, aber deutlich.
Es kam näher.
Und näher.
Und noch ein Stückchen…
Jetzt!
Sie sprang von ihrem Sims, fiel zehn Meter tief, und landete dann genau auf einem Gegner, der mit einem hässlichen Knacken zu Boden ging.
“Ach da bist du. Hab dich gefunden.” tönte hinter ihr eine erstaunte Stimme auf.
“Scheint so. Du bist dran.” schmunzelte sie und trat einen Schritt zurück. Sevirot schloss einen Schritt zu ihr auf und legte sein Kinn auf ihre Schulter. “Ich bezweifle, dass ich mich gut verstecken kann, wenn hier so viele böse Leute sind.”
“Soll ich dir helfen, sie zu verscheuchen?” fragte Yirame mit schräg gelegtem Kopf.
Sie spürte das Nicken, und Sevirot richtete sich auf.
Ein leises metallisches Scharren ertönte, als er seinen riesigen Zweihänder vom Rücken wuchtete. Sie blickte ihn über die Schulter hinweg an, und spürte, dass die bisher reglosen und überraschten Feinde sich allmählich mental auf einen Angriff eingestimmt hatten. Sevirot malte mit der Hand einige Zeichen in die Luft. Sie schwebten noch einen Moment leuchtend vor ihm, dann verschwanden sie und hinterließen nur eine klirrende Kälte, die Sevirot umgab wie einen Mantel aus Eis. Der Todesritter nickte ihr zu, und sie spürte ein leichtes Zittern in der Erde.
Yirame ging einen Schritt zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, denn der Boden unter ihr brach auf und gab eine vermoderte Gestalt frei, die mit einer Art Pelz bedeckt war. Über Das Gesicht wollte sie gar nicht erst weiter nachdenken. Also zuckte sie mit den Schultern und blickte Sevirot fragend an.
Dieser grinste, klappte sein Visier herunter und trat langsam auf die vorderste Reihe der Handlanger zu.
Dann ging der Kampf los.
…
Yirame öffnete vorsichtig die Augen.
Ein langohriges Gesicht beugte sich über sie und grinste entschuldigend. “Alle kann ich dir nicht vom Leib halten, tut mir leid.”
“Bin ich im Himmel?”
“Du lebst glücklicherweise.”
“Also bist du kein Engel?” Yirame lächelte, verzog dann das Gesicht zu einer Grimasse.
“Ich dürfte eher das Gegenteil sein. Wie geht es dir? Tut viel weh?”
“Naja, wenn du sagst, dass ich lebe…?”
“Ich finde du hast dich gut geschlagen. Ich kenne wenige Schattenkinder, die es mit soviel Eleganz mit derart vielen Gegnern aufgenommen hätten. Nebenbei waren es nicht gerade schwache Gegner. Bei der Menge hätte selbst ich Probleme gehabt.” Sevirot nickte anerkennend.
Yirame grinste erneut. “So ein Lob hört man gerne, Fremder.”
“Du kennst mich immer noch nicht?”
“Sag mir, woher ich dich kennen könnte.”
“Das weiß doch ich nicht. Wir kennen uns eben. Schon eine halbe Ewigkeit. Du warst immer meine kleine Yira.”
“Na na na. Also klein mag ja sein, aber ich war eher mal die kleine Yira von jemand anderem. Ich kenne dich überhaupt nicht. Was bedauerlich ist, nebenbei.”
“Sevirot.”
“Hast du schon gesagt.” Yirame griff nach einem Heiltrank und entkorkte das Fläschchen. “Kennen wir uns über Takate? Beziehungsweise du mich über ihn?”
“Nie gehört. Dein Freund?”
“War er mal. Ist seit einem meiner letzten Aufträge spurlos verschwunden. Keine Ahnung, wo er sein könnte.”
“Wie dem auch sei.” Sevirot richtete sich auf, warf Yirame ein kleines Lederbeutelchen zu und stützte sich auf seine Waffe. “Deswegen bist du ja hier, nicht wahr?”
Yirame spähte in den Beutel, nickte, und steckte ihn dann ein. “Es ist wirklich schade, dass sich unsere Wege hier schon wieder trennen.”
“Du gehst? Warum das denn?” Der Todesritter schien eindeutig enttäuscht zu sein.
“Aufträge… und die Ausbildung. Mein Lehrer kann mir noch eine Menge beibringen, ob du’s glaubst oder nicht.”
“Oh, ich glaube dir, zweifellos.” Er senkte den Kopf und blickte zu Boden.
Yirame stand ebenfalls auf, legte ihre Arme um seine Schultern und ihre Stirn an seinen Helm. “Ich habe nicht gesagt, unsere Wege würden sich nicht wieder kreuzen…”
Sevirot hob den Kopf. “Das wäre schön. Wirklich.”
Yirame lächelte zärtlich und drückte ihm einen scheuen Kuss auf die Nase. “Wir werden uns wiedersehen, hübscher Fremder. Nach dem, was wir durchgemacht haben, wirst du mich nicht mehr los.”
“Sevirot.”
“Sei still.” meinte Yirame und grinste. “So lange du mir nicht selbst sagen kannst, woher du mich kennst, …” sie verstummte und blickte Sevirot in die Augen.
“Wir werden uns wieder sehen.”
“Das werden wir.”
Yirame lächelte schüchtern und löste sich von ihm.
“Auf bald, Fre… Sevirot.”
“Auf bald, Schattenkind Yirame.”
Damit verschwand sie erneut in den Schatten, die sie schützend umfingen und vor den Blicken der Welt bewahrten.