Träumereien
Pass auf. Ich sage dir jetzt einen Begriff. Und du sagst mir dann dazu einen Begriff oder einen kurzen Satz, der dir so ganz spontan dazu einfällt.
Ok. … peinlich jetzt muss ich nur noch einen Begriff finden…
Hahaha
Ach ja. Der Begriff ist… TRÄUMEN also ganz spontan, fällt mir ein, dass du ein Träumer bist, und ich auch und das Lied Dreamer von Ozzy Osbourne. außerdem ist träumen was schönes Gut danke. da mach ich jetzt eine Geschichte draus.
Die Wiese ist grün. Saftig grün, Frühlingsgrün. So ein unmögliches Grün, das man genau genommen noch nie gesehen hat und nie sehen wird. Alleine schon, weil so ein Grün auf gar keiner Wiese vorkommen kann. Aber egal – die Wiese, die ich meine, sie ist so grün. Und der Himmel… nun, dieses unverschämte Blau gibt es in der Tat. Manchmal, sehr selten, da sieht man es. Morgens, wenn man im Bett liegt und aus dem Fenster schaut, wenn keine einzige Wolke am Himmel ist – dann gibt es manchmal so ein Blau.
Der Himmel, der über der sprichwörtlich grasgrünen Wiese hängt – sagen wir, er hat eben dieses wunderschöne Blau. Dann noch die Sonne. Nein, sie ist nicht gelb. Gelbe Sonnen gibt es leider nicht. Aber sie ist eben das, was man sich unter warm und freundlich vorstellt. Eine Bilderbuchsonne. Damit nicht alles so eintönig wirkt, hat die Natur ein paar Hügel in die Landschaft gesetzt. Sanfte Hügel, die man auf dieser Welt nur in so unglaublich schnulzigen Filmen findet.
Auf einem dieser Hügel, wie verlassen von seinen Freunden, ein einsamer Baum. Groß und mächtig. Eine Eiche, die schon ziemlich lange dort steht. Gehen wir mal von einem runden Betrag aus, 100 Jahre. Eine Hundertjährige Eiche. Dunkelgrünes Laub, voll und satt. Der Stamm, knorrig, etwas gewunden und verästelt, dunkelbraun-schwarz-hellbraun. Das optimale eben, was man sich so im Allgemeinen unter einem richtig gemütlichen Sommer-liegen-ausruhen-träumen-gemütlich-Baum vorstellt. Man kann sich noch in dieser Szenerie eine Wolke vorstellen. Eine kleine, vorwitzige, Meister-Proper-Ariel-Weißer-Riese-Megaperls-Weiß-Wolke. Wenn man soweit alles hat – kann man sich das gut vorstellen? – dann wäre es an der Zeit, etwas Zivilisation in dieses Bild zu bringen. In meiner Vorstellung – ist ja nicht eure – besteht die Zivilisation aus einem jungen Pärchen. Sagen wir mal, dir und mir. Wobei das dir natürlich nur auf den Erstleser bzw. die Erstleserin zurückzuführen ist – die andern Mädchen, die das eventuell mal lesen, fühlt euch nicht angesprochen. Ihr könnt ja betreffende Personen gerne selbst für euch alleine im Stillen einsetzen.
Nun – Du und Ich. Wir liegen eben da, so im Halbschatten dieses mächtigen Baums. Um in der Sonne zu liegen, ist es dann doch vielleicht eine Spur zu heiß. Aber hier, im Schatten – wundervoll. Ein paar kleine Lichtflecken auf dem Boden zeugen davon, dass eine Menge Sonnenstrahlen auch durch dieses Blätterdach stoßen. Eine leichte Brise, gerade so, dass die Blätter im Baum bewegt werden. Das sanfte Rauschen. Und wir beide liegen einfach da, wie man eben so daliegt, auf einer Wiese, unter blauem Himmel, neben einem Baum, an einem wunderschönen Sommertag. Was diese Szene vielleicht stören kann, ist die Musik. Aus dem Nichts kommend. Auf seltsame Weise scheint sie jedoch in diese Umgebung zu passen, als würde sie dazugehören. Ozzy Osbourne – Dreamer. Und genauso agieren wir. Wir liegen da und träumen. Genießen den Tag, den Augenblick. Die Sonnenstrahlen, die sich in einem unregelmäßigen Muster immer wieder genau auf unsere Augen legen, dass man unwillkürlich zwinkert. Die Brise, die den Baum bewegt, das Rauschen des Lüftchens in den Blättern. Dazu dieses Lied, paralysierend. Es ist schön, zu träumen. An diesem Platz, mit dieser Umgebung, bei diesem Wetter… da kann man ja gar nicht anders als zu träumen. Und das tun wir. Beide Träumer. Einfach nur daliegen. Dann die letzten Töne des Lieds, so schnell ist es schon vorbei. Keine Chance gehabt, die CD springt ein Lied weiter. Seufzend öffnen wir die Augen.
Die Wiese ist graugrün, ein paar Jugendliche mit einem Ghettoblaster sitzen etwas abseits. Der Baum ist mindestens so grau wie die Straße, auf der die Autos vorbeirauschen. Der Himmel – nun ja, graue Wolken. Aber was solls, der Augenblick ist vergangen, die Bank mit der dünnen Karikatur eines Baumes im Hintergrund kalt und ungemütlich. Der einzige Lichtblick – die Begleitung. Mag sich der Traum aufgelöst haben, noch immer bist du neben mir. Und ist das nicht das schöne daran? Dass man in jeder Lebenssituation aus allem etwas anderes machen kann – nur durch etwas Fantasie?
Ich denke schon. Das hat mich bisher mein ganzes Leben begleitet. Und wenn man jetzt jemanden trifft, der genau der selben Ansicht ist…
Das ist einfach nur toll.
Und unglaublich.
Michael Bahner
Okkultus