Mal ganz Privat… Gedanken über die Ungewissheit.

Es ist diese unerträgliche Ungewissheit. Ich war gottverdammt noch mal froh, dass es endlich vorbei war. Ich habe gedacht, nichts, jedenfalls fast nichts könnte mich wieder in dieses Stadium zurückwerfen. Und jetzt muss ich einsehen, dass dem nicht so ist. Muss einsehen, dass ich erschreckend einfach wieder in die Dunkelheit zurückfalle, die scheinbar die ganze Zeit über ihre wabernden Finger aus der Schwärze gestreckt hat und mich beständig festgehalten hat. Die dunklen Ketten haben sich kalt und sacht um einen Bereich in meiner Magengegend geschlungen, den ich nicht näher zu definieren weiß als ein weiteres inneres Organ, das sich über und durch alle anderen erstreckt und an dem nun diese Ketten zerren, nach unten, auf einen unsichtbaren und auch sonst nicht wahrnehmbaren Spalt in den Boden zu, der sich nach entbehrungsreichen Tagen und Wochen jetzt klaffend öffnet, um mich erneut ein wenig zu verschlingen.

Es ist diese unerträgliche Ungewissheit. Ich weiß nicht warum, ein rational denkender Teil meiner Gedankenwelt weiß es ganz genau, es ist nichts dahinter, du hast viel zu tun, es wird vorübergehen, was ist schon dabei, wir können uns ja doch sehen, was soll das ganze Theater, mach dir nicht so ‘nen Kopf. Und der andere Teil wird indes panisch. Du meldest dich nicht mehr, wenn du dich meldest, bist du kurz angebunden, hast nie Zeit für mich. Du wirkst kühl und abweisend, emotionslos mir gegenüber. Vermutlich hat sie einen Neuen, sagt meine zweite innere Stimme quälend oft, sie wird dir schon bald sagen dass es aus ist. Die tausend Gedanken, die sich aus diesem heraus entwickeln, sind nicht schön, und alle enden mit dem Ende unserer Beziehung, oder wenigstens mit einer schweren Krise.

Ich bin froh, dass ich soviel Verstand und Intellekt behalten habe, dass ich erkennen kann und es auch definitiv weiß, dass das alles nur Gedanken sind, die aufs härteste von meinen Gefühlen beeinflusst werden, und leider auch von meiner Fantasie, die ja nun bei mir einen erschreckend starken Einfluss auf mich und meine Gedanken hat. Weiterhin bin ich froh, dass ich immer noch auch in der zweiten Gedankenwelt die Hoffnung habe, dass du das ebenso wenig verstehst wie der rationale Teil meines Denkens es versteht. Und dass all das nicht so ist, und dass wir zusammen bleiben und alles wieder gut wird. Nur weil wir uns mal nicht sehen können muss das ja nicht heißen, dass es aus ist.

Und dennoch.

Es ist diese unerträgliche Ungewissheit. Sie lässt mich nicht los, und je mehr ich über dich nachdenke, desto mehr vermisse ich dich, desto mehr liebe ich dich, desto mehr sehne ich mich nach einem Zeichen nach dir, und sei es noch so klein. Verstreute Erinnerungen lassen mich noch mal genau die Szenen durchleben, glückliche Momente, die sich in Form von einzelnen Bildern für eine Ewigkeit in mein Gedächtnis gebrannt haben dürften. Mein Blick schweift durch das Zimmer, sucht nach Erinnerungen, findet sie, frischt sie auf, und wieder sehne ich mich nach dir. Wieder und wieder. Nach dem Duft deiner Haare, nach deinen Umarmungen und dem Gefühl, dass dein Kopf an meiner Schulter lehnt. Ich sehne mich nach deinem Blick, deinem Lächeln, deinen Augen. Nach deiner Hand sanft in meiner. Nach einem vertrauten Duft, einem Gefühl im Bauch, einer vagen Erinnerung an schöne Zeiten.

So finde ich auch fast alles, aber es ist eben nun mal so wie ich es sagte. Erinnerungen. Ein Abklatsch der Realität, der es trotz seiner Flüchtigkeit und seines verrauchenden Charakters doch mehr als nur wert ist, ihm nachzuhängen, sich seiner wieder und wieder zu entsinnen, ihn nicht loszulassen, sondern wie Jean-Baptiste Grenouille ihn in Flaschen in einem dunklen Keller zu bewahren und diesen endlosen Vorrat wieder und wieder zu trinken und jedes Mal aufs neue sich daran zu erfreuen. Wenigstens…

Ja, wenigstens in diesen Momenten habe ich meine Ruhe vor der Ungewissheit. In diesen Momenten gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass du mich liebst, und dass aus dieser im Vergleich möglicherweise noch zarten Knospe sich im Verlauf der Zeit, die wir in meiner Hoffnung noch zusammen verbringen werden, sich ein mächtiger Baum entwickelt, der aus dem locker gestreuten Wald um uns her hoch aufragt und einsamen Wanderern und vorbeiziehenden Blütensamen als Leuchtfeuer am Horizont dient, als unverkennbares Merkmal, ein Treffpunkt im Hain, den man sich jeden Tag aufs Neue besieht und dabei stets staunt, was für Wunder der Natur es doch gibt.

Und so finde ich doch, die Kraft und der Wille mögen sicherlich vorhanden sein, in der Knospe, dem jungen Setzling; und er wird es sicherlich weit schaffen. Doch ob er auch genug Wasser bekommt, und ob die Sonne ihm täglich scheint? Denn gerade solcherlei Einflüsse benötigt der kleine Baum, ohne dies wird sicherlich nichts Mächtiges aus ihm hervorbrechen, das irgendwann einmal Wind und Wetter zu trotzen vermag und dem fast nichts ein Leid antun kann.

Als Metapher gesehen, sagt mein rationaler Teil, kann man das sicherlich schön interpretieren. Aber wie jemand gesagt hat, ich schreibe Kopfschmerzgeschichten. Und das ist es ja auch. Wer es interpretiert, auf der Grundlage dessen, was ich vorausgesetzt habe, wird sicherlich zu einer weisen Einsicht kommen. Doch das ist ein zu weites Feld.

Ich wollte hier nur mal wieder meine Gedanken in eine Kurzgeschichte fassen. Oder ein Essay. Wer weiß das schon, vielleicht ist es auch ein Liebesbrief an eine Person. Ich denke, den wahren Sinn werden nur wenige herausfinden. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich selbst eine dieser Personen bin.

Was noch bleibt, ist die Ungewissheit. Die nagende, bohrende Ungewissheit. Denn auch wenn ich jetzt für den Moment wieder einmal einen klaren Kopf habe und meine Gedanken sortiert habe, aber sie wird wieder kommen. Denn heute nicht mehr, und auch morgen nicht, und auch nicht übermorgen. Es wird eine Weile dauern, bis ich dich wieder sehen kann. Ich werde es überstehen, aber mach mir einen Gefallen, lehne dich zurück und denke einige Minuten nach, was du wirklich für mich empfindest. Ich bin mir sicher, dass es nichts ist, vor dem ich mich fürchten müsste, oder das mich in tiefe Depressionen stürzen würde. Aber ich glaube, dass ich wieder mal ein paar ehrliche, tief greifende Worte hören muss, die mich wieder mal in deiner dir eigenen Art tief berühren werden, und Wochen, wenn nicht Monate, beruhigen werden.

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, auch wenn ich das nicht oft zeige, und auch nicht vielen Personen. Deshalb, mach mir bitte den Gefallen, fahre wieder einmal deinen seelischen Anker aus und glätte die Wogen in meiner stürmischen Flut von Gedanken.

Zeig mir,

dass ich mit meinen Befürchtungen

noch

eine ganze Weile

daneben liegen werde.

Zeig es mir.

Bitte.

Michael