Kälte des Weltalls
Und dann schaue ich zum Himmel auf und sehe die unendliche Weite des schwarzen Gewölbes, das sich mit tausenden kleiner funkelnder Punkte bestickt über mir erstreckt, und mir gehen wieder die Gedanken durch den Kopf, wie groß doch alles ist, und wie unvorstellbar weit, und wie wir, die Menschen, dieser kleine Punkt inmitten von so viel Leere, dieser in den Weiten des Universums alleine schon der Wahrscheinlichkeit wegen notwendige Zufall an derart zusammengesetzter Materie, dass wir… glauben, ein Ich zu besitzen, wie wir doch niemals alles erforschen werden können, weil der Zeitraum, den die Menschheit als solches überdauern wird, in galaktischem Maßstab noch weniger ist als ein Augenzwinkern. Und von diesem Gedanken gehe ich weiter, und überlege mir, ob nicht eigentlich, in galaktischem Maßstab, wirklich alles, was selbst unserem ganzen Sonnensystem, oder groß angelegt, selbst unserer Milchstraße passiert, im Grunde ein Nichts ist, wie als ob in meinem Körper eine einzelne Zelle sich entschließen würde, nicht mehr sein zu wollen. Und so, wie ich den Verlust einer einzelnen Zelle verkraften, und in der Regel vermutlich nicht einmal bemerken würde, würde das ganze Universum, das wir zu begreifen noch nicht in der Lage sind, wo wir doch schon nicht sagen können was alleine in unserer Galaxie alles geschieht, und ob irgendwo anders noch Leben entstand, entsteht oder entstehen wird, doch sicherlich den Verlust einer einzelnen, kleinen Galaxie verkraften, weil sie ja im Großen und Ganzen betrachtet wirklich nur eine …unter vielen ist.
Und dann, betrübt ob dieser Gedanken, blicke ich hinunter auf den Rasen, der mit abertausenden Tautropfen bedeckt das Licht einer Straßenlaterne wie ein gefallener Sternenhimmel aus unzähligen Diamanten widerspiegelt, und ich sehe von diesem Widerschein aus auf die Laterne, die irgendein Arbeiter an irgendeinem weiteren langweiligen Tag dort aufgestellt hat, und der sich nichts über das Universum und seine Bedeutung im Universum gedacht hat; so wenig wie das Universum sich um ihn gekümmert hat. Denn so ist es, jeder hat seine eigene Sphäre, in deren Relation man alles betrachten muss. Das Universum denkt darüber nach, was es eigentlich ist. Der Arbeiter denkt über seine Pause nach. Und ich, mit all den Freuden und Sorgen, die mir durch den Kopf schwirren, habe nichts besseres zu tun, als nachts um halb drei draußen zu stehen, die Sterne anzuhimmeln, und dabei sehnsüchtig darauf zu warten, dass meine Träume wahr werden.
Und ich greife mir ein paar meiner Kopfschmerzen, und werfe sie dem Universum zu, denn das Universum wird so ein paar unbedeutende Kopfschmerzen von einem unbedeutenden Planeten im Nirgendwo sicher irgendwo unterbringen können. Und ich greife mir ein wenig meiner guten Laune, und ich werfe sie irgendwo zu einem Menschen, der sie vielleicht gerade gut brauchen kann, und ich kann sie ja gerade teilen, weil ich gute Laune übrig habe, wenn schon mal im Leben ein paar Dinge gut laufen. Und ich nehme… ich weiß nicht, stehe da, schaue mich ratlos um, und ich schaue nach oben und warte dass jemand von irgendwo im Universum zurückschaut. Auf irgendeinem Planeten, weit entfernt, steht vielleicht jetzt irgendwo ein anderes Wesen, und schaut zum Himmel. Und er oder sie oder es oder etwas ganz anderes denkt sich auch gerade, wie klein und unbedeutend es eigentlich ist. Und dass nichts im Universum verlorengeht. Und wirft gerade etwas nach oben. Und dann werde ich dieses Etwas auffangen, und mir nehmen, damit ich nicht… hm… damit ich mich nicht ganz so alleine fühle. Das werde ich mir dann nehmen und drücken und streicheln und ich werde es warm halten, damit es mich wärmt, denn das Universum, oder eigentlich schon die Welt, die reicht auch schon, die hat mich wieder innerlich erkalten lassen, eine widerliche, klamme Kälte, die dir den Brustkorb zusammenzieht, und gegen die nicht noch so viele Decken etwas helfen. Und ich stehe draußen im T-Shirt, schaue zum Sternenhimmel, mit all den kalten kleinen Funkelsternchen, strecke die Hände tief in die Hosentaschen und warte darauf, dass irgendwo aus den Weiten des leeren, kalten, unbelebten Weltalls ein kleiner Gedanke kommt, den das Schicksal für mich bestimmt hat, weil ich gerade im Weg dieses Gedankens lag, und der mir die Nacht erwärmt, damit ich endlich schlafen kann, schlafen, aufhören zu denken, vergessen, ignorieren, die Tafel mit all den Ideen und Kopfskizzen leerwischen, nur damit ich mich in meinem Kopf etwas ausruhen kann, damit ich mich einfach…
schlafen.