Ist das Liebe, frage ich.

Der Abschied fällt schwer. Wann wirst du ihn wieder sehen, frage ich. Jemals wieder? Was die Zukunft bringt, ist ungewiss. Keiner kann die Zukunft voraussagen. Und wer es kann, der schweigt darüber.
Es ist besser, wenn die Menschheit nichts darüber weiß, was geschehen wird. Im Großen wie im Kleinen.
Du stehst noch da, in deinem langen weißen Kleid, wartest auf die nächste Brise, die dir von der See her das Haar zerwühlt. Schaust mit tränenden Augen auf das Schiff, das sich hinter dem Horizont in neue Abenteuer stürzt.
Vermisst du ihn, frage ich. Ist das Liebe? Ist denn Liebe so stark, dass sie alle Grenzen überschreitet, frage ich. Wenn ja, warum trauerst du dann, dass er geht? Freue dich, denn wenn du ihn wieder siehst, wird es um ein Vielfaches schöner sein.
Du regst dich nicht, dein Blick geht in die Ferne.
Sicher, du vermisst ihn, entschuldige meine Frage. Es war ja nur so ein Gedanke. Es hätte ja sein können. Aber ich sehe schon, du liebst ihn, allen Widersprüchen zum Trotz. Er geht, lässt dich zurück, dich, sein Herzensstück.
Ist das Liebe, frage ich.
Er geht, kommt nicht einmal zu deiner großen Feier, die bald ansteht.
Ist das Liebe, frage ich.
Du hast nicht einmal seine Adresse in der fernen Welt. Ob ihr euch wieder seht, ist ein kleines Fragezeichen in der großen Düsternis, die dich umgibt.
Ja, die große Düsternis. Das ist Liebe, sage ich.
Liebe ist Schmerz. Süßer Schmerz, zuweilen. Bitterer Geschmack auf deiner Zunge, ein Kloß im Hals, tausendundeine Tränen im Sturzbach der Gefühle, die sich aus Zweien ergießt und in den See der Leidenschaft mündet.
Liebe ist nicht, was sie vorgibt zu sein. Liebe ist nicht das zärtliche Miteinandersein und Liebe ist nicht das glückliche Lächeln nach dem ersten Kuss. Liebe ist der erste Kuss nach dem großen Streit. Liebe ist Vertrauen, in jeder Hinsicht. Liebe ist Vergebung für alles, was man einander antut.
So sag mir, frage ich, liebst du ihn? Oder ist es nur diese Gewöhnung an jemanden, den man lieb gewonnen hat? Wenn es Liebe ist, wird sich das zeigen. Bald schon. Du wirst es nicht wissen, aber die anderen werden es bemerken.
Wenn es Liebe ist, ja, sage ich.
Meine Worte dringen nicht bis zu dir durch, du stehst weiter in der salzigen Meeresluft und starrst auf den Horizont. Die Gedanken folgen dem Schiff noch eine Weile, suchen den vertrauten Geist zu fassen, ihn zu binden.
Ich kannte ihn nicht, aber sag mir, wie war er so, frage ich dich.
Wortlos drehst du dich um und gehst. Alleine bist du. Alleine.
Was hilft es, gut zu reden, dich zu unterhalten, wenn du doch nicht mehr hier bist? Wenn du doch eigentlich noch an seiner Schulter lehnst, weit draußen, auf dem Meer, in dem sanften Heben und Senken des Schiffs.
Ich schaue dir kurz nach, wie du hinter den Dünen verschwindest, eine frierende Gestalt, die die dünne Wolljacke fester um sich wickelt und mit schnellen Schritten den Tränen zu entfliehen versucht.
Dann drehe ich mich wieder um und schaue aufs Meer hinaus.
Das Meer, unbarmherzig, wild, alles verschlingend, und doch so sanft, so ruhig, uns tragend und ernährend. Die Grundlage allen Lebens.
Ja, es hat einiges mit der Liebe gemein.
Ich schaue auf das Meer hinaus und stemme die Hände in die Taschen.
Er ist weg, und nahm sie mit sich. Sie blieb aber hier, und er ging alleine.
Ich atme tief durch.
Ja… ist das Liebe, frage ich.