Stanislaus, das Mutterschiff

Langsam löste sich der schwere Schatten aus dem dünnen Gerüst, das seit Äonen bewegungslos über dem Planeten hing. An dem Planeten war nichts sonderlichen Besonderes, es war einer der ganz normalen Planeten der Vereinigten Königreiche. Seit Tausenden von Jahren war die Bevölkerung schon in, auf und über den Planeten hinweg und bevölkerte frohen Mutes das ganze System und die umliegenden gleich mit dazu. Die Bevölkerung war glücklich, denn sie waren Mitglied der Vereinigten Königreiche, eine Versammlung von dreißig bekannten Planeten mit jeweils sieben oder acht Nebenstationen, Siedlungen, SpaceBases und allem drum und dran.
Die Bevölkerung des Planeten hatte auch einige Schiffswerften im Orbit, die friedlich durch die endlose Stille unbewegt über dem Planeten hingen, und in denen langsam und gemächlich ein Schiff nach dem anderen entstand.
Nun war jedoch über den Planeten, genauer gesagt, über die Vereinigten Königreiche, eine Büchse der Pandora gekommen. Ein neuer Feind, nicht zu vergleichen mit den gelegentlich auftretenden Piraten oder den Imperialen Streitkräften des Goldenen Imperators, der seinerseits die Lehre vom Gottimperator verbreitete und sich selbst als das Einzig Gute ansah.
Die besagt Büchse der Pandora war verhältnismäßig ungefährlich aufgetreten, als sich auf einem neu entdeckten Planeten ein Spähtrupp mit einem neuartigen Virus infizierte. Dieser Virus hatte aufgrund erheblicher Sicherheitslücken im Raumschiff zufolge, dass es sich ungehindert über die Besatzung hermachen konnte. Diese trugen es unwissentlich in die nächste Raumstation, und die wurde dann unter Quarantäne gestellt. Eine Woche später war die Station tot. Nicht, dass das ein Problem wäre, die Station hätte ohne weiteres eliminiert werden können. Aber aus der Schleuse strömten nach besagter Woche eine erschreckende Horde kleiner Schiffe. Kaum größer als Rettungskapseln, aber in unvorstellbaren Mengen. Und alle waren organisch. Lebendige Raumschiffe, wenn ihr es so wollt. Diese Raumschiffe verteilten sich auf dem nächsten Planeten und fraßen dort alles auf. Und noch mehr organische Raumschiffe, diesmal auch etwas größere, verließen den Planeten. Wiederum alle organisch.
Ihr könnt euch denken, dass diese organischen Raumschiffe den Tod von einer ganzen Menge Menschen zur Folge hatten, nicht zu sprechen von Planeten. Wo auch immer der Schwarm aus Bioschiffen auftrat, begannen sie ihre Ernte, und ließen nur totes Material zurück. Die Bioflotte wuchs weiter und weiter, und es entstanden – beziehungsweise wuchsen – immer größere Schiffe.
Zurück zum Thema, nun löste sich also der Schatten langsam aus der Schiffswerft über dem Planeten. Es war eine alte Schiffswerft, entstanden noch zu der Zeit des Großen Krieges, als die Bevölkerung noch zwischen den Fronten der Imperialen Raumflotte und den Vereinigten Königreichen stand. Diese eine übrig gebliebene riesenhafte Werft wurde relativ schnell wieder in Gang gesetzt, als die Gefahr der Bioflotte gewahr wurde. Der Plan war nicht, neue Kriegsschiffe zu bauen, sondern ein Generationenschiff. Die Bevölkerung war nur mit einer zweifelhaften Logik versehen, und sie planten, mit dem Generationenschiff weit fort zu fliegen, wenn möglich, eine andere Galaxie erreichen, dort eine florierende Kultur aufzubauen und mit den dortigen Ressourcen eine gar mächtige Flotte aufzubauen, mit denen sie dann die in der Zwischenzeit ins Unermessliche gewachsene Bioflotte mit einem glorreichen Schlag zu zerschlagen und restlos zu vernichten.
Kein allzu guter Plan, aber nach Jahrhunderten und Jahrtausenden des Friedens hapert es bei vielen Kulturen an guten Schlachtplänen.
Wiederum zurück zum Thema – der Schatten löste sich aus der Schiffswerft. Erste Sonnenstrahlen erreichten das Generationenschiff, welches das zentrale Mutterschiff einer großen Flotte von Flüchtlingshorten darstellen sollte. Die metallene Hülle glänzte auf, reflektierte die Sonnenstrahlen und funkelte wirklich sehr pompös.
Das Generationenschiff trug den weniger pompösen Namen Stanislaus, in Gedenken an einen längst vergessenen… Kriegsgeneral oder etwas vergleichbares. Nun, Stanislaus schwebte aus dem Dock und verharrte dann regungslos, während die kleineren, schon längst fertig gestellten Schiffe, sich nach einem strengen Plan um Stanislaus herum versammelten. Ein Schiff nach dem anderen schob sich langsam an den unförmigen Leib heran, der nach den strengsten Sicherheitsvorkehrungen und zehr zweckmäßig geplant und gebaut wurde. In Zeiten der Not muss man rational sein, auch wenn der Feind schon an der Haustür klopft. Nun hingen also die dutzenden Schiffe um Stanislaus, das Mutterschiff, herum und verharrten ebenfalls. Dann wurden die Schiffe alle verankert und die Energiequellen wieder deaktiviert, und der höchst komplizierte Vorgang der Verknüpfung begann.
In diesem Vorgang entstanden zwischen den Schiffen und zwischen Stanislaus, dem Mutterschiff, viele dünne Röhren, die als Verbindung zu einen wahrhaft gigantischen Komplex mit wahrhaft gigantischen Ausmaßen dienten und nebenbei auch noch einen recht zweifelhaft komfortablen Übergang von einem Schiff in das nächste ermöglichten.
Nachdem nach erstaunlicherweise nach nur wenigen Wochen die Röhren bereits fertiggestellt waren, flogen in dichten Schwärmen die Kapseln, Transporter, Shuttles, Frachter und Viehtransporter in das nun fertiggestellte Generationenschiff-Komplexgebilde “Stanislaus und Brüder”, das bereits mit einer weitläufigen Arkologie, einem Wald, einem See, einem Frisör, einem Kino, einer erschreckend großen Bibliothek und mächtigen Antrieben sowie einem mächtigen Schildgenerator und einem übermächtigen Temporalfusionskraftwerk ausgerüstet wurde.
Genau genommen, war das Schiff perfekt dafür ausgerüstet, die lange Reise auf unbekannte Zeit in eine unbekannte Galaxie zu starten.
Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, alle Kraftwerke betriebsbereit waren und alle an den Fenstern standen, um den Start mitzuerleben, gab ein Mann, in der genauen Mitte des Komplexes den Befehl, auf den alle gewartet hatten.
“Start dann mal, nicht?”
Und der Komplex röhrte an vielen Stellen gleichzeitig auf, ein blaues Flimmern entstand an unzähligen Schiffen, und der Komplex begann sich langsam zu bewegen. Alles verlief nach Plan, der Orbit wurde verlassen, der Asteroidengürtel wurde dank der überstarken Schilde durchquert, der Komplex hielt der Beanspruchung stand und zitterte auch nur ein ganz kleines Bisschen.
Nach wenigen Tagen erreichte “Stanislaus und Brüder” auch fast die Grenze zur Lichtgeschwindigkeit, die auch trotz neuester Forschung noch nicht durchbrochen werden konnte. Warpantriebe waren leider nicht erfunden, und die extremst selten aufretenden Wurmlöcher, die es in der bekannten Geschichte der Vereinigten Königreiche erst dreimal gab, führten in der Regel an Orte, die man mit den auch heute erhältlichen Antrieben nicht in der Spanne eines Lebens wieder verlassen konnte und in heimische Gefilde zurückkehren konnte.
Daher flog “Stanislaus und Brüder” also nun mit fast-Lichtgeschwindigkeit auf einen kleinen, trüben Lichtpunkt zu, der die wirklich sehr weit entfernte Galaxie darstellen sollte, die neues Glück und ein friedliches Leben verhieß.
Nach einem weiteren Tag schoss Stanislaus mit der Geschwindigkeit eines Lichtteilchens durch einen Ausläufer der Bioflotte, die nur plötzlich den Verlust einiger Gebärschiffe und eines Haufens kleiner Kolonistenträger bemerkte. Stanislaus registrierte für einen Sekundenbruchteil die außergewöhnliche Belastung der Schildgeneratoren auf knappe acht Prozent, der aber sofort wieder abfiel.
Stanislaus flog Jahrhunderte durch die Leere zwischen den Sternen und erreichte nach vielen Jahrtausenden, vielleicht sogar Jahrhunderttausenden oder noch mehr die Galaxie, die neues Glück und ein friedliches Leben verhieß.
Die Bevölkerung hatte in dieser Zeit jedoch einige radikale Veränderungen durchgemacht und wusste nichts mehr von dem ursprünglichen Plan. Vorwiegend herrschen Anarchie und Terror, große Teile von “Stanislaus und Brüder” wahren zerstört, lahmgelegt oder abgeschottet, und die Tätigkeiten, die Stanislaus noch am Leben erhielten, waren als tiefe religiöse Rituale in den Alltag integriert. Stanislaus sandte nach einigen weiteren Jahren nervöse Signale, dass die Geschwindigkeit zu hoch wäre. Die Bevölkerung reagierte entsetzt und wunderten sich über die roten Tafeln, die plötzlich am Himmel hingen, und die seltsamen Laute, die in der Opferhalle mit dem großen Fenster ertönten.
Eine Woche später griff der Autopilot ein und reduzierte die Geschwindigkeit. Der Autopilot wurde vermutlich aus Versehen vom Hauptcomputer getrennt und sprach nur noch einen kleinen Frachter am rechten äußeren Ring von “Stanislaus und Brüder” an. Der Autopilot schaffte es noch, den Kurs um fast ein Grad zu verändern, bevor “Stanislaus und Brüder” auseinandergerissen wurde zu “Stanislaus und ein Teil seiner Brüder” und zu “der Rest von Stanislausens Brüdern”. Zweitgenannter Teil wurde in den roten Riesen gesaugt, um den der Rest von Stanislaus zu kreisen begann. Die restliche Bevölkerung erblickte noch einige Monate lang das rot glühende Auge des feurigen Herrn, bevor auch das Mutterschiff auf die Sonne zustürzte. Die Bevölkerung unterlag noch einmal einem kritischen Wandel der Religion, deren Gebete, Bitten, Drohungen und Opfergaben unerhört blieben. Auch der Frisör an Bord schloss seinen Laden, und Stanislaus verglühte restlos.
Die Bioflotte gedieh derweil prächtig, entwickelte eine Hochkultur, und starb etwa zur selben zeit wie Stanislaus vollkommen aus, an einem seltsamen Virus, der sich rasend unter der Bioflotte verteilte.
Als Moral der Geschichte könnte man annehmen, dass es nichts bringt, egal was man macht. Aber das klingt nicht wirklich nach einer sinnvollen Moral, also überlasse ich es wieder einmal euch, euch darüber Gedanken zu machen, was ich euch hier erzählt habe.