Schneegestöber

Eine Welt voll Schnee und Dunkelheit. Dies denkt sich der Mann, der am Fenster steht. Eine Holzhütte in einer Welt voll Schnee und Dunkelheit. Es ist Nacht, der Mann ist alleine. Er steht am Fenster und blickt in die Welt hinaus. Schon eine Stunde, ohne sich zu bewegen. Er ist alt, der Mann. Mindestens so alt wie die Hütte, in der er steht.
Hundert Jahre, vielleicht auch mehr. Auf einen alten, knorrigen Holzstock gestützt. Und er steht wie ein Fels. Aufrecht, wenngleich er einen krummen Rücken hat. Standhaft, seit einer Stunde oder mehr unbeweglich. Und er blickt hinaus in die Nacht. Schwärze, wohin er blickt, und weiße Flocken, die stürmend am Fenster vorbeiziehen. Ein weißes Treiben; ein Sturm, der seine kleinen Füßchen nach dem Haus ausstreckt.
Nicht hat der Sturm in den letzten Tagen dieses Haus erreicht. Bald wird es soweit sein. Der Mann dreht sich seufzend vom Fenster weg und setzt sich langsam an den Tisch. Er schenkt sich ein Glas ein, eine seltsame rotgoldene Flüssigkeit. Der alte Mann nippt daran, stellt das Glas wieder hin. Stille herrscht, nur der Sturm beginnt nun um die Hütte zu pfeifen, zu heulen.
Ohne Sinn und ohne Verstand. Verlassen von der Welt, denkt der Mann. Warum dies mir? Habe ich die Welt so enttäuscht, dass ich nun alleine, hier oben in einer Holzhütte, alleine bei einem Glas Alkohol und bei dem Sturm sitzen muss? Was ist mit meinen Verwandten? Unten in der Stadt? Sind sie genauso wie ich? Alleine, Verlassen? Warum dies mir?
Der alte Mann schließt die Augen, nach einer Minute frühestens öffnet er sie wieder, seufzt, schaut aus dem Fenster in die Weiße Wand, die sich löchrig vor der schwarzen Welt aufbaut. Seufzt. Der Sturm beginnt nun das zu werden, was man allgemein als Sturm bezeichnet. Schneller, stürmischer, unbarmherziger. Die weißen Flocken sind nicht mehr als solche zu erkennen.
Die kleinen schwarzen Flecken zwischen den Flocken sind grau geworden, so schnell ziehen die Flocken daan vorbei. Der Schnee setzt sich nun langsam auf der Fensterbank ab. Der Alte, ein Ruhepol in all der Hektik: unbeweglich, das Glas mit dem flüssigen Gold zwischen seinen Händen. Der lange Bart, grau, weiß. Die Nacht, grau, schwarz. Verloren fühlt er sich, auf eine gewisse Weise. Alleine, das ist er. Und… irgendwie… er ist zufrieden. So sollte es doch enden, denkt er sich. So und nicht anders. Aber warum so? Warum nicht anders? Weil er sein Leben so verbracht hatte? Bestimmt. Das wird es sein, denkt sich der Alte. Der Sturm pfeift um die Hütte, das altersschwache Radio hatte heute Morgen ein Schneegestöber angesagt. Der Alte hat da gelacht, hat dem Mann im Radio widersprochen. Ein Sturm wird kommen, das hat er gesagt, der Alte. Der Mann im Radio – ungerührt – er sprach weiter über die Nachrichten des Tages. Der alte Mann hat das Radio ausgeschaltet, hat über die Welt nachgedacht. Wie immer. Seine Familie hat ihn ja gut eingerichtet, einen Generator mit elektrischem Licht, eine Gasheizung, selbst eine Kochstelle mit Gas. Jeden Monat kommt ein Mann hoch zu ihm, um ihm Benzin und Gas zu bringen. Damit seine Vorräte nicht aufgebraucht werden. Und der alte Mann nickt immer nur müde. Der Tod hat ihn vergessen. Schon viel früher hätte er sterben sollen, nicht hier, in einer so unpassenden Welt.
Eine Holzhütte mit elektrischem Licht, mit einer Gasheizung und einem Gasherd. Das passt einfach nicht zu ihm. Aber er spürt es.
Ein weiterer Schluck aus dem Glas. Der Sturm hat noch mehr an Kraft gewonnen, pfeift nun inzwischen laut und ungemütlich. Dazu das Heulen. Der alte Mann nickt müde. Er seufzt, dann lächelt er. Er trinkt den Rest aus seinem Glas und steht auf, langsam, auf den Stock gestützt. Schon lange hätte es passieren sollen. Heute ist es soweit, das wusste er ganz genau. Der Alte tritt an das Fenster, fängt die Flocken mit seinen Augen. So jung wie damals, vor achzig Jahren, hascht er ihnen nach, springt ihnen entgegen, fängt sie und sieht sie an der Fensterscheibe abprallen, schmelzen, vergehen. Er steht am Fenster, lächelt verzückt. Wie eine Schneeflocke, leicht und beweglich, schnell huschend, als einzelne klein und unbedeutend.
Langsam geht er zurück, sieht den Stuhl ans Fenster, holt sich das Glas mit dem Rest des Getränks. Setzt sich an das Fenster, auf den Stuhl, mit dem Glas in der einen Hand, die andere Hand durch den Bart ziehend. Der alte, knorrige Stock, an den alten, knorrigen Körper gelehnt. Er trinkt das Glas leer und blickt aus dem Fenster, den Kopf müde an den Fensterrahmen gelehnt.

Als am nächsten Morgen der Sturm abgeflaut ist, als die Sonne auf die glitzernde weiße Fläche scheint, keine Wolken am Himmel, der sich blau und unverschämt klar über dem Berg erhebt, als die Schneeflocken geschlossen weiß auf der Landschaft liegen… Da ist der alte Mann irgendwo, über dieser Landschaft, frei, erlöst von allem, schießt geradezu über die sanften Hügel, fliegt, ohne eine Spur zu hinterlassen… und der tote Körper in der Hütte genießt die wundervolle Aussicht, die er nach der Sturmnacht erleben darf.

Michael Bahner

Okkultus