Nachtlichtkarussell
Der Name spricht für sich.
Was nun ist es aber?
Karussell – es ist offenbar etwas, das sich (vermutlich symmetrisch) um einen Mittelpunkt dreht, oder einfach etwas rundes, ein runder Platz, in dessen Mittelpunkt oder an dessen Rand sich etwas oder mehrere Dinge befinden.
Nachtlicht – nun, entweder es ist… Mondlicht, oder das Licht, das man in einer normalen Nacht so sieht, oder es ist dunkles Licht, also Schwarzlicht. Oder, wie es in meinen Geschichten meist der Fall ist, es ist etwas, das es gar nicht gibt. Also einfach – dunkles Licht. Schatten, die etwas erhellen. Was relativ widersprüchlich ist. Aber meine Geschichten sind oft widersprüchlich. Also nun, …
Nachtlichtkarussell.
Um nicht alles wiederholen zu müssen, fassen wir mal in anderen Worten zusammen, was ich gerade einzeln etwas genauer formuliert habe – etwas Rundes, symmetrisch, um einen Mittelpunkt, aus leuchtenden Schatten bestehend oder erleuchtet von ihnen oder sie ausstrahlend.
Noch immer haben wir keine klare Vorstellung davon. Was also ist es?
Ja, nun.
Wie soll ich es sagen.
Es ist ein Traum. Eine Idee. Eine Vorstellung.
Wie ihr eigentlich schon wissen solltet – es gibt kein Nachtlichtkarussell. Es ist nur wieder einmal so ein Wort, das mir ohne mir logisch begründbaren Zusammenhang plötzlich in den Sinn kam. Ich habe schon schlimmere Wörter gehabt, die ich auf einmal im Kopf hatte, und über die ich dann tagelang nachgedacht habe, wie kam ich darauf, und was ist es? Eines dieser Wörter wäre… Achtung… Musikpiraterieindustrieejakulation. Na, ist das mal nicht ein aufregendes Antiwort. Ein Begriff, der nicht hätte sein sollen. Für mich sind solche Begriffe, die mir in den Sinn kommen, ein wichtiges Zeichen dafür, dass es wieder einmal Zeit wird, Geschichten zu schreiben und kreativ zu sein. In der Regel kann ich dann auch ziemlich gut schreiben, es geht gut flüssig, keine Probleme und so. Oft kommt dabei aber nur Blödsinn heraus, und nur selten Geschichten, die ich auch selbst richtig gut finde. Ich habe noch andere Ideen, viele viele Ideen, die ich aber noch nicht in Geschichten verpacken kann. Es sind Ideen, denen noch ein Hintergrund fehlt. Stellt euch vor, ihr schaut euch einen Film an und seht von den drei Stunden Film nur drei oder vier Ausschnitte von jeweils zehn Sekunden. Eine Geschichte entsteht dann, wenn ich entweder einen Ausschnitt nehme und vorne und hinten eine Menge flüssig dazuschreiben kann – oder wenn ich weitere solche Ausschnitte nehme, die eigentlich nicht zueinander passen, und dann doch einen Zusammenhang herstellen kann. Was im Prinzip so ist, als würde man sich eine bekannte Sci-Fi-Trilogie anschauen, und man würde in der Reihenfolge gewisse Ausschnitte sehen: ein kleiner grüner Gnom sitzt auf den Füßen von einem verschwitzten jungen Mann, der Handstand macht; dann sieht man ein Kind, das in einer kleinen Kapsel hinter monströsen Turbinen hockt; und als nächstes sieht man eine schwarze Gestalt mit lustiger Maske, die in einer Mondgroßen Kugel steht und mit einem überdimensionalen Laser einen Planeten zerstört. Wie nun verknüpfe ich diese drei Eindrücke miteinander? Sie haben erst einen Zusammenhang, wenn man einen Hintergrund dazu entwickelt. Das nun ist ein nettes Problem. Nehmen wir also an, zu jeder der Ausschnitte hätten wir auch den Hindergrund. Jetzt müssen wir noch Probleme, Krisen, Verhältnisse zwischen den Personen und ominöse Liebesgeschichten einbinden. Dann haben wir eine grobe Idee der Geschichte. Dann schreiben wir das ganze natürlich nicht gleich auf, sondern spielen es im Geiste erst einmal komplett durch. Die Teile, die uns interessant erscheinen, stellen wir uns minutenlang in verschiedenen Variationen vor; die anderen Teile überspringen wir zum Großteil und denken uns einfach “ja da is grade das und das passiert”. Nachdem wir es einige Tage / Nächte durchdacht haben, lassen wir es einige Tage ruhen und widmen uns anderen Dingen. Wenn uns dann irgendwann langweilig ist, und uns zufällig der eine zentrale Begriff einfällt, wegen dem man im Prinzip sich so viel vorgestellt hat, und wenn man dann feststellt, dass man gerade Lust hat, darüber doch etwas aufzuschreiben, dann setzt man sich – in meinem Fall jedenfalls – an den Computer und fängt einfach an zu schreiben. Oft kommen dann Dinge aufs Papier, die mit der zuerst vorgedachten Geschichte gar nicht mehr so viel gemein haben. Die einzelnen Situationen, die man sich dann so schön ausgedacht hat, bleiben dann unberücksichtigt und werden später als einfache kurze Beschreibung eines Bildes in einer anderen Geschichte nachtgereicht.
Wo mir mitten im Satz gerade auffällt…
Nachtlichtkarussell.
Stellt euch ein Kettenkarussell vor, in schwaz und dunklem Lila gehalten. Es leuchtet etwas, gewissermaßen fluoreszierend. Es bewegt sich nicht, und es steht einfach mitten auf einem sonst leeren Platz im dunkel. Die Schatten lassen euch nicht weit sehen, und ihr seht nur wenig das Kopfsteinpflaster, auf dem das Nachtlichtkarussell steht.
Danke fürs Lesen. War schön, über das Nachtlichtkarussell und über die Musikpiraterieindustrieejakulation zu reden. Letzteres war eigentlich als Lied geplant, so mit Musikpiraten, Bilderninjas und sonstigen Medienschurken. Aber ich kann ja nicht singen. Und Geschichten schreiben ist auch nur so begrenzt. Naja. Also wenn mir wieder mal ein Begriff über den Weg läuft und mir fröhlich zuwinkt, werde ich wieder mal eine Geschichte schreiben, und dann werdet ihr wissen, dass der eigentliche Begriff und die Idee nur sehr begrenzt darin vorkommen und ich eigentlich etwas ganz anderes schreiben wollte. Das ist dann so, als ob ihr ein Bild anschaut. Ihr seht darauf einen hellblauen Teil, der durch eine gerade schwarze Linie von einem hell-olivgrünen Teil getrennt ist. Diesen Teil habe ich im Kopf. Langsam, mit der Zeit, zoome ich weiter raus, und ihr erkennt, dass es ein Teil einer Landkarte ist. Oh, ich habe eine Idee, zoome noch weiter heraus und ihr seht Afrika. Um es zu vervollständigen, zoome ich noch weiter raus, ihr erkennt die ganze Weltkarte. Dann fokussiere ich auf Europa. Nun, am Rand erkennt ihr noch Afrika, ihr wisst genau, dass es das ist. Und anstelle vor Europa, dem eingentlichen Zentrum, beschrifte ich Afrika, oder den sichtbaren Teil, mit ein paar Daten, Ländern, Grenzen, Städten und dergleichen. Nun, das ganze auf eine Geschichte übertragen – ich schreibe über ein Thema, und einige Nebensächlichkeiten beschreibe ich (für den Leser unübersehbar) ausführlich. Dadurch, dass ich alles, außer dem Hauptthema ausführlich beschreibe, wird dem Leser vorgegaukelt, dass ich über besagtes Hauptthema auch schreibe. Aber eigentlich brauche ich das Hauptthema nur, um die hübsch zu lesenden Nebenthemen irgendwie zu verpacken.
Um das mal an einem guten Beispiel zu sehen – hier eine Idee:
Nachtlichtkarussell.
Ich schreibe diese Geschichte eigentlich über das Nachtlichtkarussell. Das ganze Gerede darumherum lässt euch glauben, dass ich eigentlich das Nachtlichtkarussell nur als Aufhänger für mein Essay über meinen Schreibstil benutze. Aber falsch. Ich benutze dieses Essay, um immer wieder an seltsamen Punkten den Begriff des Nachtlichtkarussells aufzubringen, oder den Beegriff der Musikpiraterieindustrieejakulation, und euch so zu beeinflussen, dass ihr euch also nun selbst Gedanken darüber macht, was das Nachtlichtkarussell nun ist. Ist es wirklich nur ein Aufhänger? Ist es das Kettenkarussell, das ich oben beschrieben habe?
Ist euer Problem.
Meine Arbeit ist getan. Ich habe aus einem Begriff, aus einem langen anderen Begriff, und aus eurer Lesewütigkeit eine weitere Geschichte gemacht. Finde ich toll, dass ihr das lest. Vielen Dank, und noch einen schönen Tag mit dem Schatten der Geländerkerzenflamme.