Das ewige Feuer
Heiß und Licht spendend flackert es auf dem Boden.
Du stehst davor und siehst das Feuer. Es ist dunkel um dich herum. Das Licht, das vom Feuer ausgeht, ist goldgelb. Es reicht gerade aus, um dich ein wenig zu erhellen. Es erleuchtet allerdings nicht die Umgebung. Wo auch immer du stehst, es ist nicht warm, nicht kalt; keine Straße, kein Beton, kein Sand, keine Wiese.
Das Flackern geht dir etwa bis zur Brust, und eine leichte Brise weht dir die Wärme des Feuers in dein Gesicht. Vielleicht ist es kalt um dich herum, vielleicht auch warm. Du stehst schon lange in jenem Bereich des Feuers, wo die Wärme angenehm ist; als dass du noch sagen könntest, ob es nun warm oder kalt ist. Deine Augen haben sich schon lange an dieses Flackern gewöhnt, es kommt dir fast vor, als stündest du schon dein Lebtag hier. Das Feuer ist tief in dein Gedächtnis eingebrannt, und du wirst es nie wieder vergessen können, solltest du überhaupt je wieder von diesem Feuer wegkommen. Du lächelst abwesend bei diesem Gedanken. Der Anblick dieser Flammen ist hypnotisch und du kannst dich nicht auf einen Gedanken konzentrieren. Du vergisst alles. Du erinnerst dich noch, dass du schon lange bei dem Feuer stehst. Doch wie du hierher gekommen bist, hast du verdrängt. Die unwirkliche Stille, die dich wie eine schwarze Mauer umgibt, hüllt dich ein wie die Dunkelheit, fesselt dich an diesen Platz. Der Lichtschein flackert in einem Luftzug und reißt dich aus deinem Nichts-Denken, aus den Gedanken, die seit scheinbaren Ewigkeiten stillstehen.Du versuchst dich loszureißen, doch deine Beine gehorchen dir nicht. Das Feuer flackert weiter aus dem lückenlosen Boden. Nicht aus einer Ritze, nicht aus einem Spalt, einem Stück Holz. Es flackert einfach aus dem Boden. Wie lange stehst du schon da? Minuten? Stunden? Es kommt dir vor wie schon immer. Das Feuer ist etwas länglich, wie eine kleine Flammenwand. Die Ärmchen des Feuers beschreiben kurze, zuckende Bewegungen in die Höhe, erlöschen, machen Platz für andere, neue Ärmchen. Gefesselt stehst du da und blickst die Flammen an. Zu lange, um dir einreden zu wollen, dass du dich nur kurz aufwärmst. Vielleicht stehst du hier, weil du nichts anderes kennst – wer weiß?
Es macht keinen Sinn, warum solltest du es ansehen? Warum solltest du überhaupt hier sein? Warum ein Feuer anblicken? Du verdrängst die Gedanken und blickst in die Flammen. Unbeweglich. Seit langer Zeit, doch nach deinem Zeitgefühl kannst du nicht gehen. Außerdem interessiert es dich nicht wirklich. Genau genommen sind all deine Gedanken nicht denkenswert. Was auch immer du denkst, du vergisst den größten Teil bereits, bevor der Gedanke begann. Ein Gedanke brennt sich kurz in dein Bewusstsein, bevor du ihn vergisst.
Vielleicht, denkst du; vielleicht hat dein Dasein hier einen Grund. Vielleicht bist du nur hier, weil das Feuer leben muss. Vielleicht musst du es beschützen, oder du musst dich ihm opfern, dein Leben geben. Doch dieser Gedanke hielt sich nicht lange genug, und du vergisst schon, was du eben noch gedacht hast. Du stehst weiter unbeweglich da und blickst in die Flammen. Weiterhin hüllt dich die Dunkelheit ein, und der Lichtschein flackert auch immer noch gerade bis zu dir hin. Die Welt um dich herum verliert schon nach wenigen Metern ihr Gesicht und wird schwarz und dunkel. Es ist allgegenwärtig. Wie eine zupackende Faust dringt sie kurzzeitig weiter vor, wenn eine große Flamme für eine ebenso kurze Zeit verlischt. Du spürst schon eine Weile ein Gefühl, tief in dir, ein aufkeimender Gedanke. Die Flamme wird verlöschen, nicht schnell, nicht bald. Aber langsam und unerbittlich. In absehbarer Zeit wird dich die Dunkelheit packen. Sie wird dich umschließen, das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit wird kommen. Stärker und stärker. Du spürst, dass irgendetwas im Begriff ist, dich zu verlassen.
Etwas Großes. Ein Gott?
Wer oder was auch immer, nach einer langen Zeit ist es dann weg. Nach einer sehr langen Zeit. Einer Ewigkeit. Er ist weg.
Für immer. Aus. …