unverzeihlich
Pass auf. Ich sage dir jetzt mal einen Begriff, und du sagst mir dann einfach einen Satz, der dir so ganz spontan zu dem Begriff einfällt. Gut? Hm ja gut.
Gut. Der Begriff ist… Schmerz. Äh… Spitze Gegenstände. Blut. Totenkopf. Nadeln. Splitter.
Ja ja ja is gut. Einer reicht allemal. Danke und Tschüss […] There we go. Was kann man da schreiben…? Black, Fade to screen. Man erkennt eine weiträumige Höhle. Ziemlich unebener Boden, einzeln verstreute Fackeln an den Wänden beleuchten spärlich die Umgebung, man kann das Ende der Höhle sehen. Die größte Lichtquelle in diesem kleinen Dom stammt von einem etwas größeren Lagerfeuer in dem hinteren Drittel der Höhle. Du schaust dich um, betrachtest die Fackeln kurz. Ein einfacher Holzstock, in die Wand gerammt, an einem Ende eine Flamme. Nichts Besonderes, geradezu erschreckend einfach. Dann gleitet dein Blick weiter und findet doch keinen Anhaltspunkt. Schließlich findest du ihn doch – genau zu deinen Füßen. Auf dem Boden, der wie die Wände und die zum Greifen nahe Decke weißlich-grau, tot, bleich aussieht, liegt ein Knochen. Nicht allzu groß, aber auch kein kleiner Knochen. Was in dieser Höhle auch nichts Besonderes ist.
Das stellst du fest, als du dich vorsichtig weiter umsiehst. Nun erkennst du den Grund für diesen weißen Lichtschein, der von dem Fackellicht in der Höhle zurückgeworfen wird. Die ganze Höhle sieht nun von einem Augenblick auf den anderen aus als wäre sie aus einem riesigen Knochenberg herausgearbeitet. Tausende und Abertausende Knochen an den Wänden und an der Decke. Der Boden, etwas unauffälliger, Knochenmehl, nur vereinzelt ein Knochen. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, trittst du weiter in die Höhle hinein, auf das Lagerfeuer zu.
Dann erkennst du es, hinter dem Feuer, ein massiger Stein, beherrschend dunkelgrau, ebenso tot wie all das um dich herum. Das Feuer war bisher das einzig halbwegs Lebendige, das dir bisher in dieser Höhle begegnet ist.
Nun dies: Auf dem Stein! Eine graue Gestalt, beinahe menschlich, nur… Flügel! Schwarze, ledrige Flügel! Riesige Flügel, die sich sanft um die graue Gestalt des Mädchens schlingen, das mit einem angezogenen Knie auf dem Fels obenauf hockt, dich aus schwarzen Augen anschaut, abgrundtief böse, der blanke Hass.
Du bleibst stehen, vielleicht erschrickst du dich sogar, wer weiß. Dann würdest du zusammenzucken, gar einen Schritt zurückgehen. In diesem Fall – so wie in jedem anderen Fall auch, leidlicherweise – wird das Mädchen aufstehen, der graue Körper, nackt (aber keineswegs unschuldig) wird im Licht des Lagerfeuers auf eine seltsame Art lebendig erscheinen, auch wenn er das nie war und nie sein wird. Trotzdem wirst du eine gewisse Art von Erregung verspüren, die du nicht genauer erfassen kannst, gleich ob du selbst ein Mädchen bist oder ein Junge, der sicherlich gleich viel verspüren wird. In jedem Fall wirst du das Wesen unbegreiflich anziehend finden, nicht des Körpers wegen – trotz der wundervollen Brüste, die immer die richtige, perfekte Größe haben werden und ebenso trotz des Bereiches, an dem selbst bei Lebenden Wesen nie die Sonne scheint – sondern vielmehr eines unbeschreiblichen Anblicks wegen, der um seiner selbst Willen existiert und dem niemand zu widerstehen mag. Das stehende Mädchen wird dich anlächeln und dich düster anblicken. Der Blick wird dich schaudern lassen, so wohl fühlst du dich unter ihm. Deine Vernunft, panisch: Lauf weg! Renn! Das ist nur böse, abgrundtief böse! Du wirst sterben! Dein Körper, fasziniert: Bleib! Das ist, sie ist so unbegreiflich unverständlich gut!
Dann wird sie mit einer Stimme sprechen, zum Hohn ihres Aussehens so süß und lieblich, so lebendig, so einzigartig exzessiv perfekt: “Ja, das gefällt dir, nicht wahr?” wird sie sagen. Gegen deinen Willen wirst du nicken, nicht einmal bemerken wirst du es. Sie wird erneut lachen, ihre Flügel ausbreiten und schon im nächsten Moment wird sie neben dir stehen, lächelnd, dir den Kopf gegen die Wand schmettern, in die Knochensplitter hinein, dir die scheinbar so kleinen, friedlichen Fäuste in den Leib rammen, wird dich ohrfeigen, dich treten. Dann packt sie dich an deinem Hals, lächelt süß. Auf dem Boden unter dir siehst du einige frische Tropfen, rot, so unglaublich rot in dieser grau-weißen Welt. Lächelnd wird sie dir einen großen, sehr großen Knochen gegen deine Seite schlagen, bis du mehrere Knochen splittern hörst. Der Knochen in der Hand dieses schwarzen Engels, abgefallen von Gott, der Versucher in Person, nein, unbeschädigt, es müssen deine eigenen sein. Dieser Dämon lacht laut und schrill, ein harter Kontrast zu ihrem so liebreizenden Aussehen. Die Schwingen, bisher so weit ausgebreitet, legen sich sanft um dich, verdunkeln die Welt etwas, du siehst das bleiche Gesicht, maskenhaft, unbewegt, in einer Agonie eines verliebten Lächelns eingefroren, die Liebe lautlos verhöhnend. Dann die Flügel, wieder weit ausgebreitet, der Körper, noch immer nackt und trotz allem wunderschön. Das Wesen, etwas in Gedanken versunken, einen, zwei Schritte zurück, du lehnst an der Wand, keuchend, blutend, zerkratztes Gesicht. Die Gestalt mit den Schwingen, rotes Haar, du bemerkst es jetzt erst wirklich, neben den roten Tropfen auf ihrem Körper, die sich wie ein Teil von dir an sie schmiegen, die Gestalt wirbelt herum, die Flügel, ledrig, etwas breiten sie sich aus, sofort an den Körper zurückgleitend. Aus der Drehung heraus streckt sich der Arm, grau, zart. Die Hand huscht mit, und aus der Hand heraus huschen kleine Lichtblitze, Reflektionen der Fackelscheine. Kleine Nadeln bohren sich in deinen Körper, zehn, zwanzig. Mit kleinen Federn beschwert, wie Dartpfeile, Geschosse aus Stahl, glühend heiß, in deinem Körper. Dann dieser dunkle Engel, dieselbe Drehung in die andere Richtung. Dasselbe Spiel noch einmal, beinahe sehnsüchtigst erwartest du den Hagel von kleinen Stichen. Warum, fragst du dich, warum? So fasziniert von dieser Person, der Szene, den Stichen und Schnitten, den Schlägen? Apropos Schlag… die Gestalt hat soeben wieder einen riesigen Knochen aufgehoben und dir damit einen deftigen Stoß in deinen Magen versetzt. Sie lacht, und wie als Antwort darauf lächelst du, endgültig: Sie hat dich gefangen. Nur eine letzte Hoffnung bleibt dir, das heißt, deiner Vernunft.
Das Mädchen mit den schwarzen Schwingen schaut dich verwundert an, lächelt dann traurig. “So schnell schon? Das ist schade. Aber gut, vielen Dank, es war so schön für mich wie für dich. Und sehr erfrischend.” Sie schmeißt den riesigen menschlichen Knüppel weg, durch die ganze Höhle – erstaunlich, welche Kraft, du wunderst dich, während dir schon schwarz vor Augen wird – und geht zurück zu dem nahen Felsen. Als sie zurück kommt – dir schwindelt schon alles, das Blut auf dem Boden, wahrlich nicht wenig – sie trägt ein Schwert, glänzend, scharf, poliert, lächelt sie noch einmal. Dann, bevor du weißt, was dir geschieht, alles wird schwarz, du bist dann doch tot, voller Schmerzen, Tod durch einen Dämon.
Michael Bahner
Okkultus