SunnyBoy
Lächelnd stehst du auf dem Platz vor dem Haus. Die Sonne scheint, und keine Wolke ist am Himmel. Es ist ein wunderschöner Tag. Genauso wie Gestern. Und Vorgestern. Und Vorvorgestern. Und den ganzen Monat davor. Einen ganzen Monat lang scheint schon die Sonne. Nachts der Mond. Jeder verflucht die Sonne. Seit einer endlos langen Zeit steht sie am Himmel und trocknet die Felder aus. Einen Monat lang schon heizt sie die Erde auf. Inzwischen haben auch die letzten Menschen eingesehen, dass es noch lange so weitergehen wird. Dich schert nicht, was die anderen denken. Solange die Sonne nur scheint. Gelb und unerbittlich grell steht sie am Himmel; ein einzelnes Auge, das voll Verachtung die Erde verbrennt. Deiner Meinung nach könnte es ewig so weitergehen. Du kannst ein leichtes Gefühl der Zufriedenheit spüren, als du deinen Kopf nach oben hebst und dein Gesicht den fallenden Strahlen entgegen streckst. Du hebst deine Arme, streckst sie weit ausgebreitet in die glühende Hitze. Ein Lächeln stiehlt sich auf dein Gesicht und du kannst nicht anders, musst lachen, laut jauchzend stehst du in der Sonne. Du hörst auf zu lachen und hältst dir den Kopf fest. Schon einige Tage lang hast du kaum etwas getrunken. Die Sonne soll dich richtig austrocknen. Du musst es genießen, sagst du dir. Von einem nahen Hochhaus dringt verwundertes Lachen. Lachen über den Spinner, der jeden Tag hinausläuft. Über den Spinner, der Tag für Tag in der Sonne sitzt und schwitzt. Soll er doch hereinkommen, sagen die einen. Soll er doch schwitzen, wenn er will, sagen die anderen. Im Hintergrund beginnt eine lebhafte Diskussion, die träge durch die dicke und heiße Mittagsluft dringt. Nach einigen Minuten verebbt sie und wird durch das leise Rauschen von Klimaanlagen ersetzt. Ein Quietschen in der Nähe deutet an, dass eine Markise ausgefahren wird. Du runzelst verärgert die Stirn und streichst dir die blonden Haare zurück. Sonne ist das schönste wo gibt auf der Welt, sagst du immer. Seit immer schon hast du ein besonderes Verhältnis zu der Sonne gehabt. Von Kindesbeinen an bist du draußen gestanden, wenn die Sonne schien. Du bist einfach etwas Besonderes für Gott. Sonst hätte er dir nicht so eine unglaublich starke Verbindung zu dem güldnen Rad am Himmel gegeben. Vor einiger Zeit hattest du noch jemanden gekannt… Raingirl hattest du sie genannt. Bei jedem Ragen stand sie auf ihrem Balkon und hatte Spaß an ihm. Verrücktes Mädchen. Als ob irgendetwas mit Regen leben könnte. Die Sonne ist der Quell alles Lebens. Ohne die Sonne wäre nichts. Und du musst der Sonne etwas an der Liebe zurückgeben, die sie dem Leben entgegenbringt. Raingirl hatte nicht bedacht, dass ohne Sonne auch kein Wasser existieren könnte. Jedoch war sie schon immer verrückt gewesen. Er hatte sie von seinem Balkon betrachtet, als sie vor einem Monat im Regen stand und sich plötzlich das Hochhaus hinunter gestürzt hatte. Es war eine schwere Entscheidung gewesen, vermutest du. Nach ihrem Tod kam die Sonne. Und seither schien sie. Als ob etwas fehlen würde. Du lächelst und schüttelst den Kopf. Der Kopfschmerz stochert in deinen Gedanken herum und dir wird etwas schwindelig. Die Sonne steht noch nicht einmal im Zenit und das Thermometer zeigt schon fast die Dreißig-Grad-Marke. Dir ist es nur recht. Sollen die anderen doch denken, was sie wollen. Sie haben nicht das richtige Gespür für die Sonne. Ganz im Gegenteil zu dir. Du weißt kaum etwas über die Sonne. Aber du lässt dich gerne von ihr aufheizen. In gewisser Weise bist du auch wie die Sonne. Du bist groß, heiß und du bist meistens ein Einzelgänger. Blonde Haare, Braungebrannte Haut, stark und gutaussehend – alles, was man braucht. Nur eine kleine Sache stört dich. Eine klitzekleine Sache. Du wärst gerne näher an der Sonne. Viel näher. Lange liegst du auf dem trockenen Rasen vor den Hochhäusern. Stundenlang vermutlich. Deine Gedanken schweifen um Ra. Der ägyptische Sonnengott. Er ist der einzige Gott, an den du glaubst. Und ohne es zu wissen, hast du dich in einen Gedanken hineingesteigert. Schon seit Jahren. Raingirl hat es vermutlich genauso gemacht. Als sie sich hinuntergestürzt hat, konntest du förmlich sehen, dass sie nun eins mit dem Regen war. Doch Regen ist nicht relevant für deinen Tod. Dein Tod wird durch die Sonne verursacht werden. Ra, der ägyptische Sonnengott, wird dich zu sich nehmen. Gemächlich drehst du dich vom Rücken auf den Bauch und lässt dich nun von hinten bescheinen. Es müsste jetzt Mittag sein; das Thermometer steht inzwischen auf 40 Grad und sämtliche Fenster sind geschlossen. Brütende Stille herrscht. Das einzige Geräusch kommt von der Sonne. Du hörst ihr Flackern. Schmeckst ihre Strahlen. Riechst das Licht. Vermutlich wirst du einen gewaltigen Sonnenbrand bekommen. Hoffentlich, korrigierst du dich. Der Kopfschmerz wird nun langsam unerträglich. Doch noch immer machst du keine Anstalten, aus der Sonne zu gehen. Warum solltest du auch – heute ist der perfekte Tag. Der Sonnenschein lässt langsam deine Haut brennen. Du wirst langsam von dem Kopfschmerz überrollt und schläfst ein. Alleine in der Sonne, auf einem trockenen Platz. Erst sehr spät wachst du wieder auf. Die Sonne hat die Luft noch weiter aufgeheizt und der Kopfschmerz bringt dich fast um. Deine Zunge ist aufgequollen und rau. Du lächelst, als du mit einer qualvoll langsamen Bewegung die Augen öffnest und die Sonne siehst. Schon fast untergegangen ist sie, bemerkst du traurig. Doch noch kann etwas passieren. Du hast im Traum ein sehr seltsames Gefühl gehabt. Eine Mischung aus Hitze und Licht; wie die Berührung eines Gottes. Bunte Ringe tanzen vor deinen Augen, deine Gedanken ziehen sich endlos langsam durch die träge Masse von Schmerz und Hitze. Doch gleichzeitig fühlst du dich seltsam frei. Als ob du Fesseln abgeworfen hättest. Fesseln, die dich eine Ewigkeit lang an etwas gehindert hätten. Langsam erhebst du dich und lässt deine Sorgen, deine Schmerzen und deine Gedanken hinter dir. Die Sonne wird sprunghaft größer.
Langsam breitest du deine Arme aus und steigst der Sonne entgegen.
Licht umflutet dich, und du fühlst dich gut.
Endlich wurde alles so, wie es sein sollte.
Die Sonne verschlingt dich.
Dann drehst du dich noch ein letztes Mal um und blickst dich herunter.
Leblos im Gras.
Mit einem sehr schlimmen Sonnenbrand.
Und kaum noch Wasser im Körper.
Dann drehst du dich um und schwebst in das Licht hinein.
Wer weiß – vielleicht triffst du ja Raingirl…
Michael Bahner
Okkultus