Nur eine Sekunde mehr
Pass auf. Ich sage dir jetzt mal einen Begriff, und du sagst mir dann einfach einen Satz, der dir so ganz spontan zu dem Begriff einfällt. Gut?
Ja.
Zeit.
Er dreht die Zeit zurück.
Und daraus mache ich jetzt eine Geschichte. Gut. Mal sehen, was sich da machen lässt. Ich habe da so eine Gestalt im Kopf, die alleine neben einer noch blutenden Leiche steht. Nein, sie kniet. Das Gesicht in den Händen verborgen, zwischen den Fingern die Tränen herausquellend. Still, aber der Körper, der Rücken der Gestalt zuckt etwas, sie wird geschüttelt, so sehr wie sie weint. Die Gestalt, ein noch relativ junger Mann, vielleicht dreißig, eher zwanzig, hat gerade seine Verlobte verloren. Sie, blond wallende Haare in der Blutlache, einen Traumkörper. Sie hat ihn geliebt, waren glücklich zusammen. Und nun? Der Mann im Hintergrund, ein weiter schwarzer Mantel, ein schwarzer Hut mit einer sehr breiten Krempe. Und eine rot-schwarze Sonnenbrille mit runden Gläsern. Die eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, in der anderen Hand ein Wurfmesser. Die seltsame Gruppe steht in einer ziemlich großen Höhle, überall Felsen, steil nach oben in der Nacht verschwindend. Am Boden in der Nähe ein kleiner See, klares Wasser.
“Tut mir leid, das musste sein.” Tönt eine kalte Stimme frostig und düster durch den Felsendom. Der junge Mann, dem langsam die Tränen ausgehen, reißt seinen Kopf herum und schreit die andere Gestalt an. “Das musste sein, ja? Warum zum Teufel? Was hat sie dir getan?”
Flüche über diese Person herausbrüllend, steht der junge Mann auf. “Mach doch! Warum tötest du nicht auch noch mich? Sie hast du ja schon! Wirf endlich!” Der Mann wirft ohne zu zögern und ohne die andere Hand aus der Tasche zu nehmen. Das Messer fliegt, vielleicht zwanzig Meter, der junge Mann steht unbeweglich da, nur schwer atmend. Das Messer fliegt weiter auf ihn zu, die Luft zischt. Der Mann verzieht keine Miene. Auf dem letzten Meter, der das Messer von dem Mann trennt, beginnt der Mann zu verstehen, was da geschieht. Sieht das Messer. Noch bevor das Messer ihn erreicht, erwachen in seinem Kopf Erinnerungen, die genetisch in seinem Körper verankert über Generationen geschlafen haben.
Im selben Moment startet sich selbst ein uralter Überlebenswille, und die arkanen Kräfte in seinem Geist erwecken einen Jahrhundertealten Algorithmus zu neuem Leben. Dem Messer fehlen noch zwanzig Zentimeter.
Die mentalen Ketten straffen sich, das geistige Getriebe beginnt sich zu bewegen. Zehn Zentimeter.
Der Geist des jungen Mannes greift in die zerbrechliche Hülle des Raumes und durchstößt sie. Die Zeit, verborgen jenseits des Raumes, liegt zum greifen nahe.
Sieben Zentimeter. Der Mann mit dem Mantel hebt in einem ungleich kurzen Augenblick eine Augenbraue, als verstünde er die drohende Gefahr. Der junge Mann hat die Kontrolle über seinen Körper verloren, der Geist der Vergangenheit greift in das Netz der Zeit ein. Die Maschinerie greift.
Das Messer – sechs Zentimeter. Und fünf Zentimeter. Und einen. Gleichzeitig. Ein Schatten aus der Zukunft, einer aus der Vergangenheit. Und das Messer irgendwo dazwischen. Die Schatten verdichten sich wieder zu einem endgültigen Messer. Das Äonen alte Zahnrad hat sich in der Struktur festgegriffen und erzeugt nun eine Gegenkraft. Das Messer hängt einen Zentimeter vor dem Nasenrücken des jungen Mannes. Unbeweglich. Dann, langsam, bewegt es sich rückwärts. Millimeter für Millimeter. Aber es bewegt sich. Der Mann mit Hut, Sonnenbrille und Mantel, unbeweglich, die Hand noch immer ausgestreckt. Keine Regung auf seinem Gesicht. Dann beschleunigt sich die Bewegung, das Messer gleitet nun schneller rückwärts. Der Mann, der soeben noch geworfen hatte, hebt langsam eine Augenbraue und lässt sie wieder sinken. Das Messer schießt nun rückwärts auf ihn zu. Der Mann, der soeben seine Freundin verloren hat, immer noch unbeweglich, in der gleichen Stellung, als das Messer auf ihn zuflog. Der Mann, der das Messer geworfen hat, fängt das Messer nun rückwärts auf, lässt den Arm sinken. Der junge Mann schreit, man sieht es, gespenstische Stille.
Rückwärts in der Zeit laufend, fällt er erneut zu Boden und beweint seine Freundin. Die Blutlache wird kleiner, rasend schnell inzwischen, Der junge Mann steht auf, stellt sich scheinbar unbeteiligt daneben, blickt nur auf die blonde Schönheit. In der nächsten rückwärtigen Sekunde reißt ein unsichtbares Seil sie hoch. Das Messer in ihrem Rücken wird herausgerissen, fliegt auf den Mann mit dem Mantel und dem Hut zu. Der steht inzwischen nun seitlich, den Blick nur halb zugewandt. In der einen Hand das Messer, lose gehalten. Die andere Hand in die Richtung des Mädchens gerichtet, das Messer schießt auf die Hand zu. Dann gibt es einen Ruck.
Erneut die Schatten von allem Bewegten, eine knappe Sekunde vor und nach diesem Geschehen. Dann verschwinden sie, die Szene hängt für einen Moment in dem Raum. Die geistige Maschinerie des jungen Mannes greift ins Leere. Der Algorithmus ist beendet. Die Zahnräder lösen sich wieder in die bloße Erinnerung an sie auf, die Zeit erhält ihre Standardnetzstruktur zurück. Die klaffende Lücke in der Raumzeit schließt sich, und mit einem sehr sanften Ruck läuft sie wieder normal ab. Das Messer, fast schon wieder in der Hand, zischt unbemerkt durch die Luft. Das Mädchen reißt die Augen auf, als das Messer sie zielsicher genau zwischen die Schulterblätter trifft. Das Rückenmark wird durchtrennt, ihre Lebensfunktionen erlöschen. Ohne ein Geräusch fällt sie zu Boden. Der junge Mann dreht sich um und sieht sie auf dem Boden liegen. Eine knappe Sekunde später erkennt er die sich ausbreitende Blutlache. Er stürzt erneut zu Boden.
Das Erbe der Götter hat seinen Dienst getan. Was der Sterbliche aus seinem Schmerz macht, ist seine Angelegenheit. Nur eine knappe Sekunde weiter in die Vergangenheit. Er hätte das Messer aufhalten können. Er hätte die Zukunft verändern können. Das zweite Messer fliegt auf ihn zu. Er hatte die Zeit unter seiner Kontrolle. Und er hat seine Chance einfach so vertan. Das Messer ist noch einen halben Meter von ihm entfernt. Einfach so verspielt. Und damit seine Freundin getötet. Das Messer bohrt sich ihm in die Stirn. Seine Freundin – und sich. Nur eine Sekunde mehr.
Michael Bahner
Okkultus