Mondscheinsilhouette

Der Abend war verhältnismäßig kurz gewesen. Es war ein schöner Abend, aber das wilde Feiern und um-das-Feuer-tanzen war heute nicht das, worauf sie Lust hatte. Der Mond hatte ihr den Weg nach Hause beleuchtet, die locker stehenden Häuser hatten keine allzu großen Schatten geworfen. Es war ein ruhiger Nachhauseweg gewesen, und die Musik und der Lärm der Feiernden hatte relativ schnell nachgelassen. Die Wände und die Straßen hatten die Feier gut gedämpft, und Veronika hatte sich in dem Dorf sicher gefühlt – wobei das auch weniger ein Problem darstellte, denn die letzten Untaten waren schon einige Jahre her, und die Polizei hatte in der Regel nichts zu tun, außer hin und wieder einmal mit wichtiger Miene im Café zu sitzen und die Zeitung zu lesen. Sich hier sicher zu fühlen, war daher kein allzu großes Problem.

Veronika schloss langsam und leise die Haustüre, unbewusst immer noch lächelnd, und ein Stück weit in Gedanken versunken. Sie streifte die Schuhe von den Füßen und ging langsam die Treppe hinauf, ins Dachgeschoss. Sie öffnete ihre Zimmertüre, tastete an den Lichtschalter und zog die Hand dann zurück. Die Lampe blieb dunkel und die Türe wurde fast unhörbar geschlossen.

Nachdenklich lächelnd und nicht wissend, was sie nun tun sollte, blieb Veronika an der Türe stehen und lehnte sich an sie. Der Mond schien durch das große Fenster in ihr Zimmer und erleuchtete es mit einem silbrig-weißen Schein. Sie trat ein paar Schritte nach vorne und blieb genau an der Grenze zum Licht stehen. Mit den Zehen spielte sie ein paar Sekunden an der Grenze herum, schüttelte dann grinsend den Kopf und trat mit einem großen Schritt in den Lichtfleck hinein. Veronika sah sich ein wenig im Zimmer um, indem sie den Oberkörper hin und her drehte. Die Bücherstapel, Zettel auf dem Fußboden, Stift-und-Gabel-Türme und die Unordnung auf jeder waagerechten Fläche erschienen ihr allerdings nicht weiter beschauungswürdig, und sie wandte sich wieder der großen, in die Wand eingelassenen und schwenkbaren Glasfläche zu. Langsam öffnete sie das Fenster und lehnte sich hinaus, über die breite Brüstung, und blickte nach unten, auf den zwei Stockwerke tieferen Boden.

Ihr Zimmer war von der Ortsmitte abgewandt, und das Haus befand sich ganz außen am Ortsrand. So war sie herrlich ungestört und hatte einen hervorragenden Blick auf das nahe Tal, den dortigen Wald und die fernen Berge.

Der Vollmond strahlte hell und weiß, mit einem sehr kleinen Einschlag von Silberblaugrau, der Himmel war wolkenlos, die Sterne funkelten wie tausend Diamanten am schwarzen, man kann schon sagen nachtschwarzen, Himmel.

Einige Minuten stand Veronika so da, genoss die Stille, das Zirpen der Grillen, die Aussicht in die Unendlichkeit und den Geruch der Nacht. Dann drehte sie sie langsam um, streifte die dünne Wolljacke von den Schultern, schmiss sie ungeachtet auf das noch vom Morgen zerwühlte Bett, und stieß sich mit einem Ruck von dem Fenstersims ab. Mit tapsigen, großen Schritten, geschickt einen Weg durch das Chaos suchend, durchquerte Veronika das Zimmer, tastete neben einem schwarzen Kasten im Schatten nach einem kleineren Objekt, fand es, und drückte dann darauf herum. Der schwarze Kasten leuchtete an einer Stelle auf und das Display verdunkelte sich, als Veronika schnell die passenden Knöpfe drückte.

Leise Musik stieg auf und wurde lauter, während Veronika wieder zu der Fensterbank zurückschritt. Sie ließ sich auf ihr nieder, fuchtelte sanft in Richtung der Stereoanlage und justierte die Lautstärke, bis sie die Musik und die Grillen etwa gleich laut hören konnte. Dann legte sie die Fernbedienung zur Seite, schwang bedächtig die Füße auf den Sims und lehnte sich an den Fensterrahmen. Die Musik machte sie ruhiger, und sie schloss halb die Augen, drehte den Kopf zur Seite und entspannte sich.

Der Mond ließ ihre Haut ein wenig silberblau leuchten, und sie drehte verträumt eine Haarsträhne in den Fingern.

Nach wenigen Minuten raschelte etwas in dem Gebüsch unter dem Fenster, dem sie zunächst keine Beachtung schenkte. Es raschelte erneut, und etwas lauter, und Veronika drehte den Kopf ein kleines Stückchen weiter, sodass sie weiter in Richtung Horizont schauen konnte, aber einen kurzen Blick nach unten werfen konnte.

Ein bleiches Gesicht, halb in den Schatten des Gebüschs verborgen, grinste schüchtern zu ihr hinauf. Veronika setzte sich auf, hielt sich an dem Fensterrahmen fest und lehnte sich ein wenig weiter aus dem Fenster, um nach unten zu schauen.

Als sie das Gesicht erkannte, ließ sie sich zurück in ihr Zimmer gleiten und huschte zur Türe. Ein kurzer Blick auf den Hausflur bestätigte ihre Vermutung, und auch die Geräusche ließen darauf schließen, dass das Haus mit allen Bewohnern schlief.

Mit raschen Bewegungen, aber vollkommen leise, schloss sie die Zimmertüre, drehte den Schlüssel geräuschlos im Schloss und eilte leise zurück zum Fenster. Das Gesicht war immer noch im Gebüsch zu sehen, und sie winkte herunter. Das Gesicht verschwand, und sie sah einen geduckten Schatten am Gartenzaun entlang huschen. Sekunden später kam er wieder zum Vorschein, und schlich mit nervösen Blicken auf die Fassade und die Fenster auf das offene Gelände. Ein langes Gestell erhob sich unter seinen Händen aus dem mittelhohen Gras und schwang geräuschlos auf die Fassade zu. Nur Zentimeter an der Hauswand vorbei schwang die Leiter in Richtung auf Veronikas Fenster, und sie hörte von unten eine Mischung aus angestrengtem Ächzen und panischem Keuchen.

Die Leiter verursachte allerdings sonst kein Geräusch, und Veronika streckte sich weit, um das obere Ende der Leiter zu packen. Sie erwischte es gleich beim ersten Versuch, und die dunkel gekleidete Gestalt am unteren Ende kam beruhigt einige Schritte näher und stellte die Leiter ab.

Veronika zog sich wieder ein wenig ins Zimmer zurück und lehnte das lange, wackelige Gestell vorsichtig und langsam an die Brüstung. Sie nickte dem Jungen unten zu, und grinste schelmisch und ein wenig schüchtern, als er schnell begann, heraufzusteigen.

Die Leiter bog sich ein gutes Stück durch, aber er kam ohne Probleme und Geräusche oben an und lehnte sich von außen in das Zimmer hinein. Sofort wurde er mit einem zärtlichen Kuss begrüßt und ein schlankes Paar Arme schlangen sich um seinen Hals. Erst nach gut einer halben Minute löste sich das Fensterpärchen voneinander und der Junge trat vorsichtig über den Sims hinweg ins Zimmer. Er sah sich kurz um, rückte seine Hose in Position und lehnte sich an wieder an die Fensterbank. Mit einer sanften Umarmung zog der Junge Veronika in seine Arme und küsste sie leicht auf die Stirn, die Nase, die Lippen.

Unten, an der Hausecke, schnurrte eine getigerte Katze um die Beine eines gut gebauten Herrn in den Mittvierzigern, der den Kopf wieder hinter die Hausecke zurück zog, zärtlich lächelte und leicht den Kopf schüttelte. Dann nahm er die Katze auf den Arm und ging zurück ins Haus, um sich beruhigt und müde wieder ins Bett zu legen.

Die junge Liebe ist doch schön, dachte er sich, und streichelte in Gedanken die Katze seiner Tochter, die er für die Nacht in guten Händen wusste.