Fahrstuhl, achter Stock

In Anlehnung an eine Geschichte, die ich vor Jahren als kleines Kind gelesen habe. Ich erinnere mich fast nicht an sie und habe sie damals nicht verstanden.

In einem Aufzug, eine kleine Gruppe von Personen. Vielleicht ist er auch leer, aber die Geschichte macht sich besser, wenn der Aufzug voll ist. Voll, auch nicht gut, sie müssen sich ja bewegen können… oder besser… Sie müssen sich bewegen können.
Denn Sie sind ja schließlich auch in dem Aufzug. Wir beide. Ich natürlich auch. Einer von uns muss ja schließlich diese kleine Welt zum Leben erwecken. Ist es denn nicht so? Das alles, was man sich vorstellt, auch in gewisser Weise passiert?
Bei mir schon.
Ich stelle mir das jetzt vor, und Sie sind dabei. Ob es ihnen passt oder nicht. Also sehen Sie sich doch um. Sie stehen mitten im Aufzug. Oder, wenn Sie eher der Typ sind, der am Rand steht, dann meinetwegen, Sie stehen in einer Ecke. Niemand bemerkt Sie, genauso wenig wie mich, wir sind ja beide nur geistig da. Oder in gewisser Weise auch körperlich, denn die anderen Personen im Aufzug reagieren durchaus auf Sie.
Gehen wir erst einmal auf den Aufzug genauer ein. Es ist – tja, ein Aufzug. Die meisten Aufzüge haben ja doch eine einheitliche Grundform. Rechteckig, annähernd quadratisch. Ihre Meinung über runde Glasaufzüge in supermodernen Kaufhäusern zählt jetzt nicht. Ich bin hier der Herr der Geschichte, der Meister des Geschehens. Ich bin der GM und der allwissende Erzähler. Haben sie von einer Person in einer Geschichte gehört, die sich über den Autor hinwegsetzen konnte und tat was ihr passte? Nicht? Na sehen sie. Also ich sage was ist, und der Aufzug ist rechteckig, annähernd quadratisch. Kein so versifftes, altersschwaches Modell mit Rost und Dreck und Hundekacke und komischen Spritzern in allen Ecken und Kanten. Nein, es ist in einem durchaus schon etwas betagten Bürogebäude ein netter Aufzug, verspiegelt glänzendes Metall, leuchtende Drucktasten in einer auch für Kurzsichtige und Alte Leute akzeptablen Größe.
Die Türen gleiten zur Seite auf, und aus dem Aufzug geht ein Schemen hinaus, ursprünglich war das eine Person, aber wir sehen nur einen Anzug, ist ja auch egal, die Person ist weg. Aus den Augen, aus dem Sinn, wo kam sie her, wo ging sie hin?
Sie ist weg. In meiner Realität existiert sie nicht weiter. Nicht einmal, wenn sie gleich vergewaltigt wird und für den Rest ihres Lebens in einer Besenkammer angebunden, gefesselt und geknebelt, hin und wieder auch gefüttert, bleiben wird, als kleine Ablenkung für sehr perverse Büroangestellt. Nein, diesen Gedanken verfolge ich nicht, die Person geht um die Ecke – du meine Güte, das ist ja ein Mann – und die Aufzugstüren gleiten wieder zu. Außer uns befinden sich noch drei weitere Personen im Aufzug. Gehen wir nun auf diese Personen ein – eine alte Frau (ohne Altersangabe, so was fragt man keine Frau. Nein, auch kein Gewicht.) mit ein paar weißen Plastiktragetaschen, deren Inhalt für eine Alte Frau ohne bekanntes Alter wohl wichtig zu sein scheint, zudem ein Regenschirm, eine ausgebleichte Braunblaugrüne Jacke über ihren Schultern, die Frau hat sehr viele Falten, trübe Augen, vermutlich nur noch anderthalb Zähne und eine sehr dicke Brille mit so um die hundert Dioptrien. Im Aufzug befinden sich noch ein Jugendlicher von etwa 20 Jahren, Dreadlocks, Kopfhörer (schön groß), Reggaemusik ausstrahlend (auch recht laut) und alle Klamotten mindestens so übergroß wie farbkontrastierend. Die Haifischzahnkette, der schlabberig-schludrige Rucksack ohne besonderen Inhalt und die runde Sonnenbrille über den braunen Augen fehlen noch zum Image, daher erwähne ich sie hier noch netterweise. Er steht direkt vor dem Türspalt. Nicht, dass er gleich raus müsste. Aber das Ki (oder Chakra oder Karma oder Chi oder Jin oder Yang oder oder oder) ist hier am besten. Also steht er hier. Ganz hinten in der Ecke, von den Neonröhren leider nicht im Schatten gelassen sonder prall ausgeleuchtet – und das “prall” bitte schön betonen, wie es sich für Leute mit versauten Gedanken gehört – nun, im Nicht-Schatten, da steht eine schüchterne Blondine, vermutlich etwa dasselbe Alter wie der Herr Rastafari, dessen Hinterkopf schon seit Minuten mit schräg gelegtem Kopf und betörendem Augenaufschlag angehimmelt wird. Die Blondine spottet jeglicher Beschreibung. Zickennatur eben. Blond, blaue Augen, Dackelblick, knallrote Lippen (schaut nach oben, da hat sie auch welche), Brüste mit diversen Eigenschaften, von denen auch Pamela Anderson noch träumt (so nette Dinge wie “ich kann jeden BH sprengen indem ich einatme”), Jeans-Minirock, hautenges Oberteil, möglichst von einem Format dass selbst eine einzelne Motte nicht satt würde. Das übliche eben, was man allgemein als grausig abtut und dem man dann doch – geil wie man ist – nachschaut. Diese zweifelhafte Schönheit flirtet also mit dem Hinterkopf unseres Musikbetäubten Türspaltstarrers, während Oma Ich-hab-kein-Alter auf ihrem Speichel herumkaut, bevor sie ihn schlucken kann.
Auch du stehst da – ich sage jetzt mal du, ich darf doch? – nun, ich kann dich nicht beschreiben, versuche es selbst mal. Oder stell dir einfach vor, wie du zwischen dieser netten und recht einfallsreichen Gruppierung stehst. Mich kannst du ausklammern. Ich bin nur ein Schatten. Eine Stimme in deinem Ohr, ein Atemzug, ein Schemen am Rande euer allen Blickfelds.
Wir stehen nun im Aufzug. Er passiert gerade den zehnten Stock, und, da es ein recht hohes Hochhaus ist, sind die verschiedensten Knöpfe gedrückt. Oma will nach ganz oben, die Zahl ist schon fast dreistellig. Der fesche Jüngling steigt etwa in der Mitte aus, und die Blondine will ihn verfolgen, sie hat nichts gedrückt. Eigentlich will sie auch gar nicht hierher, aber herrjeh, manchmal lassen selbst Blondinen ihre Blondheit auf ihren Geist überspringen.
Schicksal, Schicksal, deine zeit ist gekommen. Stromausfall wäre zu trivial, also einfach irgendein Kurzschluss, theoretisch einfach zu beheben. Die Leuchteknöpfe erlischen, der Aufzug fährt fröhlich weiter. Der Junge ist viel zu entspannt und auf seinen inneren Seelenfrieden fixiert, die Oma zu kurzsichtig, und die Blondine – naja, ihr wisst schon. Und du selbst hast gar nix zu melden. Du bemerkst es, bist ja ein helles Köpfchen. Aber die Oma ist stocktaub, der Geselle an der Türe – na er hört Musik, lassen wir ihn mal nichts hören, und Blondbrüstchen – ach was solls, dir ists egal, gehen die Lichter halt aus. Mit mir kannst du nicht handeln, ist ja klar, dass irgendjemand den Kurzschluss verursacht haben muss. Ich war es, natürlich, die Wege des Herrn sind unergründlich, frage nicht nach dem Grund.
Nach ein paar Minuten – joa, ist ein langsamer Aufzug, scheint doch so. Sonst wärt ihr ja schon oben. Nach ein paar Minuten also blickt der Typ mit den Kopfhörern halb gelangweilt aus seinen höheren Sphären auf die Anzeige mit dem aktuellen Stockwerk. Ein paar verrutschende Rastalöckchen bewegen die Gestalt im hinteren Teil des Aufzugs zu einem hingerissenen Seufzen, das der Typ geflissentlich überhört. Seine Haltung deutet bereits wieder auf das rituelle Aufstiegsrituell hin, als sein Kopf noch mal zurück ruckt. Die Anzeige ERR scheint ihn dennoch nicht allzu sehr zu beunruhigen, denn nach einem Augenwinkelblick auf die Knöpfchen wendet er sich wieder seinem Aufstieg in exotischere Geisteswelten zu. Erneut zuckt sein Kopf zurück und er dreht den Oberkörper halb in Richtung Knopftafel, quittiert mit einem nervösen Trippeln von der allzu gut ausgeleuchteten Ecke und einem zufriedenen Schmatzen von der Oma, die unter ihrer Zunge einen Sonnenblumenkern vom Weckchen heute morgen gefunden hat. Du bist heute freundlich und zuvorkommend und erklärst dem Jungen, dass die Knöpfe schon vor nunmehr zehn Minuten ausgefallen sind. Er scheint dich dennoch nicht zu hören und fixiert seinen unten gedrückten Knopf mit einem Sonnenbrillenblick, als wollte er die Uralten Götter dazu bewegen, für ihn den Knopf zu drücken. Angesichts eines fehlenden Ritualschreins und einer mangelnden Opferquelle – sein Blick zuckt in Richtung Blondschopf in der Ecke – drückt er den Knopf selbst, indem er seufzend seine Hand aus der Hosentasche quält – sein Blick zuckt wieder zurück zur Tafel und er grinst verschmitzt – und mit dem ausgestreckten Zeigefinger den Knopf länger und tiefer drückt als notwendig. Während er fasziniert beobachtet, wie das Licht nicht zu leuchten beginnt, zieht er mit der anderen Hand seine Hose in eine etwas gemütlichere Position, nicht ohne dabei aufreizend mit dem Hintern zu wackeln. Blondie, die schon bei seinem Blick sichtlich dahingeschmolzen war, muss nun mit der drohenden komatösen Ohnmacht kämpfen. Der Typ mit den Kopfhörern tritt nun verstört einen Schritt zurück und scheint zu bemerken, dass gar keiner der Knöpfe mehr leuchtet. Etwas zögernd drückt er E. Als auch dieser Knopf nicht leuchtet, wendet er sich in hastiger Reihenfolge allen weiteren Knöpfen zu, wobei er systematisch vier Finger benutzt, um innerhalb von wenigen Sekunden sämtliche Knöpfe in der richtigen Reihenfolge zu drücken. Keiner der Knöpfe zeigt sich beeindruckt. Die Blondine, sichtlich beeindruckt von der Schnelligkeit und Beweglichkeit der gebräunten Finger an den gebräunten Händen an den gebräunten Armen an dem gebräunten Burschen schmiegt sich von hinten an ihn, um ihm möglichst kompliziert und mit möglichst viel Nahkörperkontakt über die Schulter zu sehen. Der zeigt sich nun seinerseits nicht beeindruckt und nimmt die Kopfhörer ab, um den roten Notfallknopf zu drücken. Die einzig nennenswerte Erfahrung, die er dadurch macht, ließe sich so beschreiben: Er berührte nie wieder einen roten Knopf. Der Schock über die Verhöhnung öffentlicher Notfalleinrichtungen und die offenbar damit verbundene Notabschaltung aller Systeme, die es eigentlich nicht abzuschalten galt, ließen ihn fortan zu einem Menschen werden, der sich in derartigen Situationen gerne in den Hintergrund zurückzog.
Denn keine Sekunde, nachdem er den Schalter drückt, geht das Licht im Aufzug aus und der monotone Brummel-summse-motor des Aufzugs verwandelt sich in eine röhrende Bestie, die den Aufzug auf sicher das zehnfache der erlaubten Geschwindigkeit beschleunigt. Die noch anwesenden Personen werden aufgrund der unerwarteten Beschleunigung zu Boden gerissen. Als ein paar Sekunden später ein schwaches Glimmen den Aufzug notdürftigst wieder erhellt, liegt die Blondine – verschreckt, aber die Gunst der Stunde nutzend – quer auf dem netten jungen Herrn und dieser sieht sich – nicht unbedingt verschreckt, aber doch etwas angewidert von der Situation (man bemerke: die Situation. Nicht der Brüste wegen, die ihm zentnerschwer die Luft aus den Lungen drücken.) – mit der Situation konfrontiert, die er eigentlich nicht erwartet hätte. Du selbst – naja, du liegst auch am Boden. Und du bemerkst zuerst, dass die alte Dame sich nicht mehr da befindet, wo sie eigentlich liegen sollte.
Mal halb aus dem Zusammenhang gerissen – erinnert ihr euch an den achten Stock? Da hat den Aufzug doch ein Typ im Anzug verlassen, der gerade vergewaltigt wird. Ich habe euch gesagt, aus den Augen, aus dem Sinn. Also ihr macht nicht was ich sage. Ihr perversen Lüstlinge habt euch den gut und gerne im Gedächtnis behalten. Aber ätsch. Die Oma ist jetzt auch fort. Und mit ihr wird vermutlich dasselbe passieren.
Also sind es nur noch drei Personen und ein GM im Aufzug. Stell dir mal vor, bei der Geschwindigkeit, die ihr drauf habt, da müsstet ihr ja in wenigen Augenblicken am obersten Stockwerk des Bürogebäudes kollidieren und – hm – ziemlich platt sein. Sind das nicht rosige Aussichten? Der Tod am Ende von Geschichten? Das macht die ganze Geschichte doch immer zu etwas nachdenklichem. Kluges Kerlchen. Sag deinen Freunden, dass sie nur noch wenige Sekunden, im besten Fall eine Minute zu leben haben. Sag es ihnen, na los. Mach sie panisch.
Ich bin der Herr der Geschichte. Ich sage was passiert. Also – es passiert. Du sagst es ihnen, sie starren – wie du auch – hilflos zur Decke des Fahrstuhls. Als ob ihr etwas dahinter sehen könntet. Als ob ihr die Decke und die dahinter herrschende Dunkelheit durchdringen könntet. Eine handvoll Sekunden später hört man ein ekliges Schmatzen, was du, während du weiter stur nach oben schaust, als den hilflosen Versuch der Blondine interpretierst, das Unabwendbare abzuwenden, oder wenigstens die letzten Sekunden für einen letzten Quicky zu vergeuden, der rituell mit einem ekligen schmatzenden Kuss begonnen wird. Jedenfalls von ihr. Sekunden verstreichen. Offensichtlich ist der Typ mit den Kopfhörern weniger begeistert von der Idee der Blondine, da keine weiteren Geräusche von der Tür kommen. Das Jaulen und Wimmern des Aufzugs verändert sich ebenfalls nicht, was man sicher hoffnungsvoll als göttliche Gunst werten kann.
Mag sein, dass die Uralten Gestalten – mag man sie nennen wie man will, es gelten auch Cthulhu und diverse Maya- und Inkagötter mit für Uneingeweihten unaussprechlichem Namen – den Dreadlockträger als zu wertvoll ansahen, als um ihn sterben zu lassen, in jedem Fall (alleine schon um diesem – mehrfach geschachtelten – Satz ein Ende zu bereiten) dröhnte auch noch Minuten später der Aufzugsmotor, und die Kabine vibrierte noch immer sanft, ohne dass unsere Gruppe – beziehungsweise Du und das ungleiche Zwangspärchen – an der Decke zerschellt wären oder sich sonst wie durch einen weiteren Defekt in einer noch viel unglücklicheren Lage als dem unausweichlichen Tode befänden, der zwar einerseits unwiderruflich das Ende alles Lebens bedeutet, auf der anderen Seite aber auch ungleich gnädiger sein kann als einige Situationen, die sich in dem kranken Hirn mancher verrückter, verschrobener Wissenschaftler entwickeln und langsam zu immer absurderen Folterideen heranwuchern (das “wuchern” ist bei solchen Gestalten wirklich kursiv zu setzen), oder bei Situationen, die sich bei viel komplexer denkenden Wesen mehr oder weniger als Zufallsprodukt und als Restbestände aus der Destillation verschachtelter mathematischer Probleme und deren Lösungen ergeben; sprich ist der Tod durchaus manchmal eine Erlösung aus dem Irrgarten des Lebens, das gerade bei unserer Aufzugsgesellschaft, die ich mir ausdenke, in einer offenen Sackgasse ihre Zukunft finden soll, indem ihr Ende offen bleibt, indem ich den Tod am Ende, die Erlösung für den Leser (damit er sich keine Gedanken mehr machen muss) absichtlich ausspare, um ein offenes Ende herbeizuführen; eine Ende, das jeder für sich selbst gestalten kann, aber dessen eindeutige, unwiderruflich einzige Zukunft, doch schlussendlich – da von mir vorgegeben – konstant bleibt und, durch welche Zusätze auch immer, auf immerdar dieselbe sein wird – Vergänglichkeit ausgeschlossen, ist die Konstante der Veränderung von mir in meinem eigenen Universum, zu dem ich euch (nur durch eure Fantasie und euren Hunger nach einem vielleicht doch abänderbaren Ende, einem Fehler in meiner verschachtelten und verwirrend-verscheckten Logik suchend) Zugang gewähre, einfach ausgespart – ich bin der Herr meiner Gedanken, ich kann meine eigenen Naturgesetze schaffen, weil es mein Universum ist – was auch immer ihr veränder wollt, ihr würdet euch im übertragenen Sinne gegen einen Gott auflehenen: Wenn ihr ein Ende wollt, lest weiter – die Geschichte wird ein Ende haben, die Handlung offen, aber in einem schmalen Kegel eingegrenzt, weiterlaufen – wenn ihr keine Ende wollt, hört hier, am endlich erreichten Ende dieses wunderbar verscheckt ausformulierten und mehrfach geschachtelten Satzes auf zu lesen, ich werde euch keinen Vorwurf machen (ich weiß, dass selbst eine ganz treue Leserin, die von sich behauptet hat, sie würde nicht auf so billigen Psychoquatsch reinfallen, weiterlesen wird).


Das Schweigen im Aufzug geht weiter. Ihr erbärmliche Dreiergruppe blickt noch immer halb verstört, halb ungläubig, halb verwirrt nach oben an die Decke. Die Fahrt geht weiter, ohne dass ihr an die oberen Stockwerke geplättet worden wärt.
Die Fahrt geht weiter, im Aufzug wird es etwas kühler, die Luft dünner. Nur unmerklich, mit genauen Messgeräten hätte man es sicher feststellen können. Ich als GM, als der Eine Allwissende Erzähler, ich weiß was passiert, und ich sage diese Tatsache der Umgebungsvariable nur der Vorsicht halber. Keiner von euch soll auf den Gedanken kommen, dass die Fahrt in alle Ewigkeit so weiter geht. Die Personen werden weiter normal altern, und der Fahrstuhl wird irgendwann rosten, an Reibung und Verschleiß in seine Einzelteile zerbrechen und wieder herunterfallen, das Kabel wird später irgendwann an Übermüdung aufgeben und reißen, ebenfalls dem Aufzug nach in die Dunkelheit stürzen. Nun. Bis dahin wird allerdings noch eine Weile vergehen. Und es gibt kein Wasser und keine Nahrung im Aufzug. Fast nichts jedenfalls. Der Dreadlockman zaubert aus seinen Jackentaschen zwei Schokoriegel hervor, die er fürstlich unter den Y-Chromosomen-Trägern des Aufzugs verteilt. Da ich zum Zeitpunkt des Entstehens der Geschichte nicht wissen kann, ob du ein Mann oder eine Frau bist, springe ich als unsichtbarer Beobachter einfach ein, sprich der Dreadlockman verteilt die beiden Schokoriegel gerecht an sich selbst und an mich. Damit sind die Essensvorräte verbraucht, wenn man von menschlichen Maßstäben aus Essbares sucht. Das wilde Tier im Menschen lasse ich außen vor, noch sind wir nicht an dem Punkt angekommen, wo man sich ein Bein abschneidet und dieses verzehrt.
Natürlich, da die Schokoriegel verbraucht und verschlungen sind, ernten jetzt sowohl Reggaemensch als auch böser-Herr-der-Geschichte zahllose böse Blicke. Aber es ist geschehen, und Blondie muss einsehen, dass sie weitaus schlechtere Chancen zu haben scheint als sie zunächst annahm. Auch du wirst die nächste Zeit weiterhin nur mit knurrendem Magen im Aufzug sitzen, der mit unveränderter Geschwindigkeit dem unbekannten Ziel entgegenprescht, das noch viele lange Kilometer weiter in der Dunkelheit zu liegen scheint.
Eine Frage geistert euch dreien durch den Kopf – ja, selbst Minirockdame Oberblond hat soviel Grips, um sich das zu fragen – warum seid ihr nicht an der Decke zerschellt, und wohin geht die Fahrt? Was ist geschehen, dass ihr seit einer Viertelstunde mit betäubender Geschwindigkeit nach oben donnert?
Fantasyfans oder Sci-Fi-Gesellen könnten durchaus auf die Idee kommen, dass der Aufzug sich längst nicht mehr in dem Bürogebäude befindet, sondern sich durch diffuse Umstände und in den trüben Nebeln eines kranken Geistes verborgenen Gründen auf einer Fahrt durch die ewige Dunkelheit befindet, einer Fahrt ohne Ende, ohne Sinn und erkennbare …
Oh. Jetzt habe ich es ja verraten.
Schade. Sollte eine Überraschung werden.

In jeden Fall, um nun auf niederes, vorgegebenes Filmniveau herabzusteigen, man sieht euch drei Gestalten in jeweils einer Ecke des Aufzugs sitzen, die vierte Ecke, nun, da stehe ich, aber mich sieht man ja nicht, ich knabbere genüsslich an meinem Schokoriegel. Langsam zoomt die Kamera hinaus, und man sieht die Aufzugskabine, in einem Quell ewiger Dunkelheit, aus dem schmalen Schlitz der Aufzugstüren dringt ein schwacher Lichtschimmer, soweit es eben bei Notbeleuchtung geht, oben angebracht ein Kabel, das sich, wenngleich nicht weit ausgeleuchtet, eindeutig in fernster Dunkelheit des endlosen Raumes verliert. Langsam zoomt die Kamera weiter hinaus, und man sieht die kleine Aufzugskabine als Staubkorn, nicht lange nachglitzernd, in der Dunkelheit verschwinden, während das Jaulen, Dröhnen und Rattern des auf höchsten Drehzahlen wimmernden Motors durch die Dunkelheit dringt.
Eine Fahrt in die Dunkelheit.


Denkt euch nur…