Erkenntnisse über die weibliche Psyche
Man kennt ja das alte Problem. Eine Frau geht zum Schuhe kaufen. Tage später meldet der Mann seine Gattin bei der Polizei als vermisst. Der Schuhverkäufer und zehn seiner Gehilfen melden sie erfreut.
In gewisser Weise ist die weibliche Welt uns Männern doch voraus. Wenn Männer (bevor ich jetzt etwas Falsches sage, ich gehe bei dieser Geschichte nur von den allgemein bekannten und ebenso allgemein bestätigten Vorurteilen aus), also wenn Männer etwas wollen, dann sagen sie das mit einem Minimum an Vokabular. Gehen sie ein Brot kaufen, hört sich das etwa so an: “Guten Tag, kann ich etwas für sie tun?” “Ein Brot bitte.” “Das macht dann Drei neunzig.” [Klimper] “Danke, schönen Tag noch.” “Gleichfalls.” Die selbe Situation mit Frauen als Kunden würde sich über etwa eine halbe Seite erstrecken – ich verzichte mal darauf, dies hier abzudrucken.
Frauen haben einfach viel mehr Vokabeln. Während Männer sich in allen Lebenslagen mit dem Grundwortschatz aus “ja”, “nein” und einem alldeutig einsetzbaren “hrm” zufrieden geben können und sich auf diese Weise selbst stundenlang mit einem Freund und einem Bier glänzend unterhalten können, benutzen Frauen im Allgemeinen an einem Tag ein Drittel der bekannten Brockhaus-Enzyklopädie. Aber ich gehe von einem sehr ruhigen Tag aus.
Mir ist neulich mal aufgefallen, wie viel Probleme ein Mann beim Friseur eigentlich geschickt umgeht – oder auch nicht. Normalerweise sollte das ja so ablaufen: Mann geht (natürlich mit Termin) da hin, setzt sich auf einen Stuhl, eine gutaussehende Friseurin wäscht ihm die Haare, schneidet sie ihm, auf Wunsch färbt sie ihm dieselben noch, er steht auf, zahlt, geht nach Hause und niemand bemerkt etwas.
Eine Frau macht das so:
Sie geht zum Friseur und setzt sich auf den Stuhl. Bisher verlief alles so wie es sein sollte. Gehen wir mal davon aus, dass auch das Spitzenschneiden, Dauerwelle, Tolle föhnen, glattstreichen, Volumenshampoo einmassieren, Hutlinie bestimmen, Frisur auswählen, etc. alles in andächtigem Schweigen geschehen ist. Dann beginnt nun der langwierige Teil.
Friseurin: “Ja und welche Farbe hätten sie denn jetzt gerne?”
Kundin: “Ja also ich dachte da so an einen Rotton. Nicht ganz kupferrot, sondern eher in Richtung Apfelrot, sie wissen ja, im Supermarkt da vorne an der Ecke, im Gemüseregal neben den Radieschen, diese Äpfel hatten gestern im Abendrot so eine Farbe, die hat mir – ja, Abendrot, so eine Art Abendrot-Granatrot mit Purpurrot-Rosarot-Mischung. So etwas ganz ausgefallenes, ein leuchtendes Rot, nur gleichzeitig auch mattrot, wie ein Signalrot, nur dass man die Leuchtkraft in die Mischung eines frisch-fröhlichen Infrarots und eines altes Flammenrots einmischt, sie kennen doch diese Flammen wenn man frühmorgens am Lagerfeuer sitzt und gerade noch mal Holz nachgelegt hat, wenn die Glühe dann so nach oben fliegen, das ist aber fast schon zu Karottenrot, ich meine, wenn man im Herbst die Bäume, Indian Summer, kennen sie das, in Kanada, dieses Strahlende Herbstrot, wenn die Sonne dann so schräg auf die Baumwipfel fällt und reflektiert wird, die Farbe, die man dann in einem klaren Bachlauf gespiegelt sieht. Das käme meiner Vorstellung eigentlich ziemlich nahe. Also wissen sie, was ich meine, so Mahagonirot, fanalrot, brilliantrot, ockerrot, mit einer Spur knallrot, rubinrot, chinesischrot und erikarot, nach Möglichkeit Terracottarot, Korallrot und Rosenrot, ein wenig wie rote Tulpen, und dazu ein Hauch von Weinrot, Auberginenrot, Intensivrot, Kirschrot, Burgunderrot, Karmesinrot, Rostrot, Rotgold, Rotbuche, sie kennen das ja sicher.”
Friseurin: “Aha, also… Ich weiß nicht, ich würde eher zu einem Kastanienrotbraun tendieren, mal abgesehen davon dass ihre Augen auch einen ganz kontrastierenden Farbton haben. Also eher Rehbraun oder holländischbraun, nicht ganz dunkelbraun und nicht ganz hellbraun, eher Kaffeebraun, ein wenig Currybraun und Nougatbraun eventuell, Nerzbraun oder Sepiabraun wäre interessant, und so ein zartes Mausbraun, oder schilfbraun, nicht so ganz stumpf wie Erdbraun, aber ein wenig davon könnte man in den Untergrund legen, die Spitzen dann stärker und leuchtender, ein Freundliches Kakaobraun, oder einfach so ein erschreckend simples Schokoladenkuchenschokoglasurbraun…”
Kundin: “Nein, also braun auf gar keinen Fall. Dann eher noch Blond.”
Friseurin: “Wasserstoffblond, Dunkelblond mit Strähnchen, weißblond, goldblond, oder Friedhofsblond? Eher ein Touch ins faserige Beige oder richtig voluminös strahlend Sonnenweißgelbgoldblond? Auch eine nette Alternative währe Aschfahlgraublond…”
Kundin: “Also nein, das war ja auch nur so dahergesagt. Wenn schon was anderes, dann vielleicht Schwarz.”
Friseurin: “Auch eine ganz vorzügliche Wahl. Wir haben da was ganz neu reinbekommen, Gothic-Schwarz, das tiefste Schwarz was sie je gesehen haben, noch im Umkreis von drei Metern wird die Sonne verdunkelt. Aber ich finde das ist nicht ganz ihr Typ, ich würde da etwas altbewährtes benutzen. Nachtschwarz, ein wenig lilablassblau eingefärbt, Reflektionen in strahlendem Weiß.”
Kundin: “Schwarz habe ich mir noch gar nicht so Gedanken gemacht. Aber was würden sie mir denn empfehlen? Nachtschwarz, Kohlrabenschwarz, Schattendusterschwarz, Mohrschwarz, Mattschwarz, Pupillenschwarz, Abgründiges Schwarz, Tintenschwarz, Rußschwarz, graphitschwarz, tiefschwarz…”
Ich bewundere die Frauen, dass sie sich darüber beschweren, wenn ein allgemein anerkannter Standardmann sich bei Bier und Freunden über Fußball und Autos unterhält, wenn Frauen sich während dem Schuhe kaufen über jede einzelne Rot-, schwarz-, braun-, Blond- und sonstige Farbabstufungen unterhalten. Es ist wirklich eine Gattung für sich. Aber mal im Ernst – wer von uns Männern wollte nicht so ein Gedächtnis haben? Wenn wir uns jeden Hintern einprägen würden, dem wir schon nachgesehen haben…
Michael Bahner
Okkultus
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Anm. d. Aut.: Wenn ihr noch weiter Farbtöne haben solltet, die ich vergessen habe - schreibt sie mir, ich werde sie noch einfügen