Eine Bessere Zukunft

Du siehst zurück, ängstlich. Das Land hinter dir, wie schön war es einstmals.
Grüne Wiesen, goldgelbe Felder aus Weizenhalmen, die man im Sommer und Herbst sachte durch die Finger gleiten lassen konnte. Bäche, die sich blau und klar durch die Landschaft schlängelten; aus denen man trinken konnte. Mit Fischen, echten, lebendigen Fischen, die sich schillernd und graublau glitzernd von dem weißgrün-gekieselten Untergrund abhoben. Wälder, grün und dunkel, mir kleinen, vorwitzigen Sonnenstrahlen, die sich hie und da durch das Blätter- und Nadeldach schoben und die Gehölze nicht allzu düster wirken ließen. Es war einstmals ein Land gewesen, hoch oben auf einem Plateau, zu dem die Menschen kamen, weil sie dort wohnen wollten. Die Häuser, klein und aus weißem Stein, mit roten Ziegeldächern, in kleinen Gruppen angeordnet, sachte um die strahlende Schlossburg im Zentrum der Hochebene verteilt. Das eben, was man sich unter einem kleinen, vergessenen Paradies vorstellt. Ein paar Berge, Seen, Flüsse, Wiesen und Felder, Dörfer, …alles eben, was man zum Wohlfühlen braucht. Die Menschen waren freundlich, die meisten sahen gut und gesund aus. Es gab keine Bettler, keine Ungerechtigkeit. Der König, ein alter, gutmütiger Mann, war beliebt und gerecht. Der Markt auf dem Schlossplatz war sauber und stets von heiterem Leben erfüllt. Ein Fleckchen Erde, wie es im ganzen Land bekannt und geliebt war. Ein Fleckchen Erde, wie es eigentlich gar nicht möglich sein könnte, so …gut war es.
Nun, aber alles endet einmal. Du warst noch jung und hattest dementsprechend viele Erinnerungen bereits vergessen. Nur das, was die Menschen so hinter vorgehaltener Hand erzählen, ruft dir einiges wieder wach. Du weißt noch aus eigener Erfahrung, dass es einfach perfekt war. Doch die Zeiten haben sich geändert. Einer der Besucher, die auf den Markttag kamen, war nicht so wie die anderen. Dieser Besucher war anders. Innerhalb nur einer Nacht, so sagt man, habe er den König, sein Gefolge und seine Familie umgebracht. Zudem – er war ein mächtiger Magier – habe er eine Schar Golems erschaffen, die ihm halfen, das Gebiet des Königs sich untertan zu machen. Er war einfach nur abgrundtief böse, und das Land, das er erschuf war das genaue Gegenteil dessen, was es einstmals gewesen war.

Während du am Rande der Klippen stehst, die dieses Gebiet “einzäunen”, blickst du zurück und betrachtest es, versuchsweise so neutral wie es geht. Im Zentrum, durch die ergrauten Schlossmauern, bohren sich Stacheln und Dornen, viele Meter durchmessend, aus dem Boden und den Fenstern, strecken sich gen Himmel; ein schwarzer Turm, dunkelgrau und düster, erhebt sich himmelshoch ragend in die schwarzen Wolken. Eine Aura von Bösen umgibt ihn, und allein schon sein Anblick lässt den Magier fürchten, der das einstige Paradies mit derartigem Übel verschandelt. Die Wälder bestehen nur noch aus knorrigen und scheinbar uralten Baumgerippen und dornigen Sträuchern; die Felder sind abgebrannt und nur noch schwarze Aschehaufen, die der Wind, sofern er noch kommt, in alle Himmelsrichtungen verweht. Die Dörfer in ihrer damaligen Pracht sind schon sehr früh dem Bösen zum Opfer gefallen, und die leeren Häuser sind ausgeraubt, geplündert und verstauben und vermodern in der weiten, leeren Ebene. Auch die zahlreichen Bäche und Flüsse sind vertrocknet und dienen vielmehr als augenscheinliche Narben in der Landschaft, verziert mit den kleinen Skeletten der Fische, die dem verschwindenden Wasser nicht folgen konnten. Ein einziger Strom hat überlebt, wenn man das so nennen will – das fünf Meter breite Gewässer, das mit einer erschreckenden Geschwindigkeit aus der Dimensionsfalte irgendwo über der anderen Seite des Plateaus entspringt und von dort in das Flussbett fällt, schießt mit derselben Geschwindigkeit in einem fast unmerklichen Bogen durch die Landschaft, donnert in einem tosenden Strom über die diesseitige Klippe hinweg und ergießt sich in einem ohrenbetäubenden Krachen und Rauschen in einem enormen Wasserfall viele hundert Meter hinab in einen See, wo sich schließlich das vom Bösen verseuchte Wasser, schwarz und unansehlich, wieder in klares Wasser umwandelt, langsam zwar, und zögerlich, doch es wird wieder klar. Da stehst du nun, unmittelbar am Anfang des Wasserfalls. Blickst zurück auf diese Welt, die doch alles von dem verloren hat, was sie vor einigen Jahren noch besessen hatte. Die Bürger, inzwischen nur noch in Säcke und Lumpen gehüllt, erbärmlich anzusehen, unterernährt, verschmutzt und halbtot, widerwillig in die Plätze von Sklaven und Arbeitern gepresst, ihres Lebenswillens beraubt, leben nur noch vor sich hin. All die Geschichten und beinahe schon Sagen eines früheren, besseren Lebens, sind auch schon alles, was noch an das Land vor diesem jetzigen erinnert. Du alleine hast den Mut gefunden und dich eines Tages von den Bewachern versteckt, bist den Golems – langsam und träge – entkommen. Die menschlichen Häscher, die nur wenige Tage nach der radikalen Machtübernahme eingetroffen sind, haben dich nicht gefunden, zu schnell bist du aus ihrem unmittelbaren Einflussbereich entkommen, getrieben von deinem Überlebenswillen. Versteckt und beinahe unsichtbar hast du in einem verfallenden Gebäude gekauert, durch einige wenige Runen vor der Entdeckung gesichert, im Schatten, nur einige Bruchteile vor der Entdeckung. Doch sie sind gegangen, deine Magie hat ausgereicht, die Truppen zu hintergehen. Auf diese Weise bist du weiter geschlichen, nachts, bei Dunkelheit. Allein der Zufall und pures Glück haben dich dutzende Male vor der Entdeckung bewahrt.

Nun, neben dir das Tosen des Wasserfalls, stehst du, denkst über deine Zukunft nach. Dir fehlt der Mut, dich hinunterzustürzen. Du würdest den Fall vielleicht überleben können. Nicht viel hast du gelernt über Magie, doch die Kraft, das Potential ist vorhanden. Und dein Großvater, als er noch lebte, hat er dir viele kleine Tricks beigebracht. So auch das Verstecken, das du auf deiner Flucht oft verwendet hast. Ein paar wenige, verschwindend geringe Selbstheilungssprüche hat er dir beigebracht, nichts, womit man einen Sturz aus hundert oder mehr Metern Höhe auch nur annähernd heilen könnte. Auch nichts, was den Fall etwas verlangsamen könnte, ganz zu schweigen von Selbstverwandlung, was nur die mächtigsten Zauberer wirken können. Schon fast eine Woche lang hast du die Sprüche durchgegangen, und oft auch aufs Geradewohl ausprobiert, dass du vielleicht durch Zufall einen hilfreichen Spruch hättest wirken können. Doch du hast weder ein Fluggerät beschwören können, noch ein zufälliges Portal nach unten öffnen können. Ganz im Gegenteil hatte sich der Abstand zum Boden in der vergangenen Woche nur noch vergrößert zu haben. Deine letzte Chance ist der verzauberte Ring, den dir dein Großvater vor seinem Tode gab. Du hast keine Ahnung, was er bewirken könnte, doch die Anweisung war geradezu erschreckend einfach gehalten. “Solltest du sterben müssen, so ist dies der beste Schutz, den ich dir geben kann. Er hat einem sehr mächtigen Magier gehört, wahrscheinlich der beste, den es je gab. Sprich einfach “Vida ex Veritas”, während du dich auf diesen Ring konzentrierst. Er wirkt nur noch ein einziges Mal, doch er wird dir sicherlich sehr hilfreich sein, das spüre ich.” So oder ähnlich waren seine letzten Worte gewesen. Nun, es waren mehr oder weniger sehr wenig hilfreiche Worte gewesen, denn bisher hatten sie keinen Sinn ergeben. Doch nun…? Naja, sie ergaben immer noch keinen Sinn, doch mit etwas Fantasie könnte es wenigstens ein kleines bisschen hilfreich sein. Denn wenn man mehrere hundert Meter tief sprang, dann würde man wohl oder übel “sterben müssen”. Und irgendwie hatte dein Großvater ja auch Recht, denn als letzte Worte wäre ein dummer Scherz wohl relativ ungünstig gewählt. Du drehst dich um und blickst die Klippen hinab. Schon ziemlich tief, denkst du, aber was ist erträglicher? Hinunter zu springen, mit wenigstens dem Traum auf die Chance einer Freiheit… oder aber zurückkehren in das Reich dieses Tyrannen, der sein selbsternanntes Volk mit Qual und Bosheit überhäuft?

Du entscheidest dich für das erste, wie wohl sehr viele andere es auch wählen würden. Dennoch zögerst du, dich in die Fluten zu stürzen, gleich dem Wasser hinunter zu fallen, und am Ende gar wie es zu zerstäuben. Eine sehr zweifelhafte Ehre, zwar frei, aber tot zu sein. Der Ring glitzert etwas im Licht der untergehenden Sonne. Nun, es wäre immerhin einen Versuch wert. Denn wenn du zurückkehrst, werden die Häscher des Tyrannen dich garantiert umbringen. Wenn du allerdings springst…? Nun, wer weiß, mit etwas Glück und der Hoffnung, dass der Ring funktioniert, nun, es wäre eine Möglichkeit. Eine sehr geringe Chance, einfach zu überleben, in Freiheit zu leben. Doch allein schon der Gedanke daran, dich dort hinunter zu stürzen, käme dir schon vor wie der Gedanke an Selbstmord. Das geht dir irgendwie gegen den Strich, und entgegen aller Vernunft – jedenfalls entgegen deiner Vernunft – drehst du dich erneut um, wie schon so oft in den letzten zehn Minuten. Am Horizont spiegelt sich die aufgehende Sonne in den Rüstungen der Krieger. Sie sind näher gekommen, du siehst bereits die hoch aufragenden Gestalten der Golems zwischen ihnen. Scheinbar haben sie dich entdeckt, denn die Golems haben ihre massigen Leiber eindeutig auf dich ausgerichtet. Die wenigen Krieger kommen näher, stetig, unerbittlich, aber auch langsam. In spätestens einer halben Stunde würden sie dich erreicht haben. Spätestens. Das würde endgültig deinen Tod zur Folge haben. Das nächste, was du wirklich feststellst, ist Luft. Überall um dich herum Luft. Ausgestreckt, wie ein Vogel, der gerade durch eine leichte Brise segelt, Die Augen halb geschlossen. Unter dir der Wasserfall, beinahe erstarrt in einer Momentaufnahme zeitlosen Erschreckens, lautlos. Dann, als ob man einen Schalter umgelegt hätte, all der Lärm, dennoch beruhigend: Das Wasser, tosend, schäumend, spritzend, die Gischt, feinste Partikel von Feuchtigkeit auf deinem Gesicht. Dein Körper, zeitgleich mit dem Wasserfall, fällt nach unten, durch die Luft, wie ein Pfeil von einer gespannten Sehne, schießend, fliegend, frei. Du bist entkommen. Nie wieder wirst du die Qualen eines solchen Landes erleiden müssen. Nicht noch einmal, egal was kommt. Magst du nun auch sterben, doch deine Seele ist frei. Unbestreitbar frei. Durch einen sanften Schleier siehst du, wie in Sekundenbruchteilen das Wasser auf dich zuschießt. Deine Gedanken kehren noch einmal zurück in deinen Körper, erfassen mit mentaler Kraft den Ring um deinen Finger. Deine Lippen, wortlos, sprechen die Worte, die du so oft gedacht hast.

“Vida ex Veritas!”

donnert deine Stimme über die Welt, mit einem Echo, das vielfach widerschallt,
mit einer Lautstärke als ob
ein Berg
einstürzt.

Michael Bahner

Okkultus

 

 

 

nachträglich erweitert - ist nur ein Vorschlag für das Ende. Denkt Euch euer eigenes Ende, wenn ihr nicht das hier wollt. Bitte erst überlegen, ob ihr wirklich meine Version hören wollt oder ob ihr die Geschichte so enden lassen wollt.

Dann umschlingt dich das Wasser. Trotz dieser Geschwindigkeit und dieser Stärke beinahe sanft, wie es dir erscheint. Unter Wasser, die Orientierung verloren, du taumelst, ringst nach Atem. Doch vergebens, nun bist du im Wasser, hoffnungslos dem Element ausgeliefert. Die Wucht des Schlages, nun, du bist benommen und erschlaffst. Wie es eben so ist.

Es wird schwarz vor deinen Augen, und du spürst einen inneren Sog nach oben. Das ist es dann wohl. Alles wird sein ihm zugedachtes Ende finden.

Dann durchstößt dein Kopf die Wasseroberfläche, deine Lungen füllen sich mit frischer, klarer, reiner Luft. Gierig saugst du sie ein, kostest den Geschmack aus, hechelst wie ein kleiner Hund. Jung und unerfahren. Mit letzter Kraft schaffst du es ans Ufer, der Strand, weißgrün-gekieselt, eine Erinnerung an ein früheres Leben.

Als du wieder erwachst, deine Gedanken sind fort, wo bist du, was machst du, wer bist du, wo kommst du her, …? Nichts, keine Antworten.

Nur ein einzelnes Wort drängt sich durch den

grauen Nebel. Freiheit. Und das Wissen um eine lebenswerte Zukunft. Zufrieden gähnst du und bleibst liegen. Genießt das Leben.

Das ist schön.

Michael Bahner

Okkultus