Die Zeit der glorreichen Siege

Lange Zeit stand er auf dem Hügel. Die aufgehende Sonne, blutrot am wolkenlosen Himmel, warf einen langen Schatten. Er war auf Wache gewesen, das erste Mal in seinem Laben. Es war ein Ritual, dachte er. Wenn du zum erwachsenen Kämpfer wirst, musst du Wache stehen.
Thel’etok lächelte grimmig. Sein Stamm war klein geworden. Und die in letzter Zeit immer heftiger werdenden Angriffe des verfeindeten Stamms hatten ihm großen Schaden zugefügt. Echsenmenschen waren zäh. Aber auch sie hatten ein Limit. An dem Tag seiner Geburt waren noch weitere, starke Nachkommen zur Welt gebracht worden. Dem Stamm war klar, dass bald schon eine neue Ära angebrochen war. Eine glorreiche Ära voller Siege.
Ihm als Erstgeborenen war die Ehre zuteil, Wache zu halten. In diesem Moment schob sich die Sonne vollends über den Horizont und offenbarte Thel’etok eine Gruppe von schwarzen Schatten, die über einen nahen Hügel schlichen. Thel’etok stand zufrieden auf und griff nach seinem Schild und seiner Axt. Er schloss für einen Moment die Augen und erinnerte sich an seine Ausbildung. Das zornige Knurren seines Meisters, wenn er einen Fehler machte. Gleich darauf den peitschenden Schwanz des Meisters auf seinem schuppigen Rücken. Er lächelte und bedankte sich im Geiste bei seinem Ausbilder für diese Ausbildung.
Seine Gedanken glitten weiter zu der Schmiede, in der er seinen Schild und seine Axt geschmiedet hatte. Thel’etok spürte noch jetzt den Schweiß und die Hitze auf seinem Körper. Er dachte an die langen Nächte, in denen er immer wieder den Hammer auf seine Axt schwang. Das Vibrieren der Waffe und das klingende Geräusch hallten noch in seinen Ohren nach. Er dachte an die unzähligen Tage, an denen er seinen Schild geschmiedet und seine Axt geschärft hatte. Thel’etok öffnete die Augen und blickte zufrieden auf die hügelige Landschaft. Mit der aufgehenden Sonne waren er und zwanzig weitere Echsenmenschen zu Kämpfern geworden. Es versprach eine glorreiche Zeit voller Siege zu werden.
Die Schatten auf dem nahen Hügel hatten sich nun geordnet und begannen auf das Lager seines Stammes zuzulaufen. Thel’etok drehte sich zu der Ansammlung von Zelten um und hob eine Hand. Seine langen Kiefer zuckten in einem Reflex zusammen, als er voller Lust daran dachte, dass die erste Schlacht ihnen gehörte. Einundzwanzig neue Krieger. Bei den Zelten schwenkte jemand eine Fackel und Thel’etok senkte die Hand, während er sich herumdrehte. Er ließ sich auf ein Knie herab und lauschte den gedämpften Geräuschen, die neben leisen Stimmen aus dem Lager drangen. Nur wenige Minuten später schoben sich die Echsenkämpfer hinter ihm den Hügel hinauf. Sie stellten sich hinter ihm in einer langgezogenen Reihe auf und hoben ihre Waffen, zumeist große, schwere Äxte, über ihre Schultern.
Thel’etok drehte sich abermals um und räusperte sich. Dann sprach er mit wohlklingender Stimme das rituelle Gebet für den Kampf. Die Kämpfer sprachen mit ihm die wenigen Worte.
“Blut ist Leben. Und Leben ist wertvoll. Lasst uns das Blut der Feinde trinken und ihr Fleisch opfern unserem Gott, dem Einen. Vergeudet keinen Tropfen eures eigenen Blutes, denn Blut ist Leben. Und Leben ist wertvoll.”
Es war ein kurzes Gebet, doch das einzige, was die Echsenmänner zum Kampf anspornte. Und es wirkte. Gemeinsam gingen sie über die Kuppe des Hügels. Flatternd wurde hinter ihnen die Fahne des Stammes in die Höhe gezogen. Die Krieger nahmen ihre Waffen von den Schultern und blieben kurz stehen, um sich den Gegnern zu präsentieren. Dann verfielen sie in einen Laufschritt. Als Thel’etok, der einige Schritte vor den anderen und damit fast bei den Gegnern war, seine Axt hob, erschallte ein vielstimmiger Schrei. Die restlichen Kämpfer, die schon länger dabei waren, stürmten hinter ihnen den Hügel hinab. Thel’etok riss seine Axt herunter und schlitzte dem ersten feindlichen Echsenmann seine Brust auf. Die andern Echsenmänner seines Stammes stürzten sich in die Schlacht. Thel’etok betrachtete zufrieden seine Axt. Sie hatte den Brustpanzer ohne Probleme durchtrennt, und noch keine einzige Kerbe verunzierte die Klinge. Das war ein gutes Omen. Das Blut strömte aus dem Körper des anderen Kämpfers, und Thel’etok riss abermals seine Axt hoch und stürzte sich in den Kampf. Er erinnerte sich an die Worte, die er vorhin gedacht hatte. Es wird eine Zeit der glorreichen Siege. Aber auch des Kampfes, fügte er hinzu.

Michael Bahner
Okkultus