Die Musik der Stille

Der See liegt still und ruhig. Einzig das Geräusch deines Herzschlags scheint neben dem lauten Rauschen deines Atems meilenweit über die flüssige Ebene zu schallen. Die ebene Fläche bewegt sich nicht. Wie ein Spiegel, denkst du. Kein Wind pfeift durch die Bäume, kein Vogel zwitschert durch die endlose Stille.
Nach einigen Minuten, als du deinen Herzschlag und deinen Atem nicht mehr hörst, greifst du, versunken mit Blick und Gedanken in den Tiefen des Gewässers, neben dich. Der Stein liegt noch einen Moment in deiner Hand. Dann landet er mit einem verhältnismäßig lautem Platschen im Wasser. Die Wellen ziehen kreisförmig nach außen weg und platschen gegen das Ufer. Nachdem das Geräusch verklungen ist und sich die Wellen geglättet haben, schweigst du weiter.
Für einige Minuten schließt du die Augen. Genießt die Stille der Zeit, das Ruhen des Raums. Langsam öffnest du die Augen und blickst das Ufer an. Der See liegt tiefschwarz vor dir, direkt am Ufer erkennst du nur schwach die Umrisse der Steine im Wasser. Die Bäume in der Entfernung dunkelgrün, wenngleich näher etwas heller, so doch alles von Schwärze überzogen; dunkel.
Die Oberfläche des Sees, trotz schwarz, auch silbrig-hell im Mondschein. Darüber, schwach, eine neblige Schicht, verdampfendes Wasser, Feuchtigkeit. Auch sie: Silbrig, weiß, hell. Milchig, undurchsichtig.


Dann leise, ohne, dass ein Anfang zu hören gewesen wäre, dringt ein sanfter Ton an dein Ohr. Klagend, friedlich, schön. Zart. Eine Weile hörst du ihm zu, erstaunt, wie lange er sich hält. Langsam wandert der Ton in seiner Tonlage auf und ab, in allen Bereichen harmonisierend mit ihm und seiner Umgebung. Dann erkennst du den Ursprung; weißt, welches Instrument ihn hervorgerufen hat.
Panflöte.
Das Wort dringt in deine Gedanken, während du lauschst. Das einzige, was zu hören ist, am See, ist die Panflöte. Ihr Ton, der als Geräusch gewordener Frieden, als Überbringer der Zärtlichkeit, Bote des Lieblichen in der Luft schwebt. Langsam wird die Tonfolge schneller. Trotzdem hindert es die Stimmung nicht.
Nun – eine Trompete. Auch sie passt sich ein in das Spiel der Panflöte, harmonisiert mit Zeit und Raum. Eine Melodie, die erst im Moment des Spielens wirklich im Kopf des Spielenden entstanden ist. Zusammen und gegeneinander spielen sie, Trotz der Spontaneität eine bezaubernde Melodie. Als hätte man Jahre an ihrer Tonfolge gearbeitet.
Friedlich – das einzige Wort, das man im Moment noch kennt. Man gibt sich unwillkürlich der Musik hin. Lässt sich tragen von dem langsamen Fluss, der wild rauschend und schäumend dahinfließt, träge und still. Bilder entstehen in deinem Kopf. Wer mag diese Instrumente spielen? Warum? Warum hier, warum jetzt? Die Fragen bleiben unbeantwortet, du vergisst sie wieder.
Egal, denkst du dir. Es passt. Es gehört hierher. Die Bilder in deinem Kopf wandeln sich mit deiner Fantasie zu bunten Blumen, grünen Wäldern, Frieden und Glücklichkeit. Die Musik verändert sich langsam, wird etwas pompöser, mächtiger, erfahrender. Wissender. Friedlich, still, gelassen. Verliert sich doch nichts von ihrem ursprünglichen Charakter. Mit den Tönen wandeln sich auch die Bilder in deinem Kopf. Du siehst ein großes, helles Schloss. Voll Frieden.
Ein Fest, womöglich. Doch die Musik passt nicht zu einem Fest von Menschen. Du verwirfst die Idee und findest du einer Lichtung in einem hellen Wald. Ein Fest von Tieren, denkst du. Das Fest der Natur. Du öffnest langsam die Augen, nachdem du noch einer Weile den Tönen gelauscht hast, die so spielerisch durch die Welt klangen. Du erblickt die Welt in der du sitzt, und entscheidest, dass die Musik hierher am besten passt. Romantisch ist sie auch, stellst du fest. Ohne jegliches Interesse. Man muss es nicht in Worte fassen – nur genießen.
Langsam verändert sich die Melodie wieder, wird wieder fließender. Die Trompete mit ihren goldenen Tönen, rein und klar, verstummt langsam. Die Panflöte klingt noch einige Augenblicke nach, die Töne schwinden dahin. Wie ein Nebelhauch verraucht die Melodie, wird von der Stille wieder überrollt.
Du bemerkst, dass du geweint hast. Tränen des Glückst. Tränen der vollkommenen Zufriedenheit. Du schämst dich nicht – jeder hätte geweint, wäre diese Musik an sein Ohr gedrungen.
Wenn es Musik war, denkst du. Es war wie ein… ein… ein Teil der Natur, der dich… an seinem Eindruck des Glücks teilhaben lassen wollte…
Du stehst auf und drehst dich um. Du atmest noch einmal tief ein und aus. Als müsstest du dich losreißen.

Dann gehst du. Die Musik der Stille bleibt. Du wirst sie nie vergessen.

Michael Bahner

Okkultus