Der Stein im Brunnen
“Du weißt genau, was ich über diese Sache denke.” knurrte Steiner, als die beiden Gestalten nebeneinander auf die Plattform zuschritten. Braunhoff zuckte mit den Schultern, erwiderte aber sonst nichts. Die beiden hatten sich altertümlich gekleidet, für ihre Verhältnisse geradezu antik. Steiner, ein etwas kleinerer Mann mittleren Alters mit schütterem, bräunlichen Haar, wirkte zornig, blickte zu den unbeteiligt schaltenden und waltenden Mitarbeiter von World.Save.Org. Braunhoff dagegen, um die sechzig bereits, etwas größer und sehr hager, stand gelassen da, die Hände in den Hosentaschen, das schulterlange weiße Haar strähnig und etwas wirr nach allen Seiten herunterhängend. Nach einigen Sekunden des Schweigens, während Braunhoff und Steiner auf der Plattform standen, begann Steiner von Neuem. “Ich bin wirklich dagegen. Es passieren zu viele Unfälle. Du…”Es gab einen blauen Blitz und die Plattform flimmerte schwach. Nach einer halben Sekunde war die Plattform leer.Dann, genau 2058 Jahre zuvor, blitzte es an einem kleinen Mäuerchen an einem dunklen Ende einer engen Sackgasse zwischen zwei Häusern irgendwo in einem schmutzigen Städtchen in einer Zeit so um das Mittelalter auf und eine halbe Sekunde später standen zwei flimmernde Schatten dort, die sich in weniger als einer halben Sekunde zu den beiden Personen verwandelten, die erst in knappen zweitausend Jahren geboren werden. “ARGH!” keuchte Steiner entsetzt, krümmte sich zusammen und riss die Hände an seine Schläfen, um den bohrenden Schmerz zu vertreiben, der charakteristisch für Zeitreisen war. Braunhoff zuckte nur mit den Mundwinkeln und kniff kurz die Augen zusammen, blieb aber sonst ruhig stehen. “Verdammte Scheiße, warum in allen Welten warnen diese Schweine aber auch nie, bevor der Transfer beginnt.” Zischte Steiner zwischen den Zähnen hervor. “Sie haben gewarnt. Du musst nur genauer beobachten, was sie machen.” antwortete Braunhoff gelassen. “Jetzt hör doch bitte auf so rumzustänkern und lass und erledigen, weswegen wir hier sind.” Steiner streckte sich wieder etwas und funkelte seinen Begleiter böse an. “Aufhören rumzustänkern? Ich stänkere gar nicht rum, ich weise nur darauf hin, was uns alles geschehen kann, wenn wir uns dumm oder falsch verhalten!”Braunhoff zuckte mit den Schultern und drehte sich um. Während er gemessenen Schrittes die Gasse entlang zu der angrenzenden Straße ging, rief Steiner weiter hinter ihm her. “Du weißt ja gar nicht, was alles passieren kann!”. Er eilte ihm hastig nach. “Stell dir nur mal vor, wenn wir in ein Paradoxon gerieten. Das wäre grausam, wir könnten für alle Ewigkeit hier gefangen bleiben, in dieser Zeit, nur weil wir, sagen wir mal, eine Zeitung kaufen. Das könnte irgendwelche Konsequenzen haben, die wir Normalsterbliche überhaupt nicht verstünden, die aber unsere Zukunft, wie wir sie kennen, von Grund auf neu gestaltet, sodass wir eventuell gar nicht geboren würden und jemand anders unsere Reise macht, was dazu führen würde, dass wir hier gerade unseren anderen Ichs oder unseren Vertretern in dem Sinne begegnen könnten, und stell dir nur mal vor wenn wir zurückkommen und nicht die, was wäre denn das für ein… ja oder ganz anders, wenn gar keine Zeitmaschine entwickelt wird, oder wenn die Reise ganz unnötig ist, oder so, Ja wie sollen wir denn dann zurück, das geht ja gar nicht, dann sind wir hier in einem Paralleluniversum gefangen, weil es ja gar keine Zeitmaschine gibt, die uns zurückholen könnte.”Braunhoff ging unbewegt von dem Vortrag neben Steiner her und lotste ihn durch die dichte Menge. Er ließ die Standpauke still über sich ergehen, mit den Gedanken ganz woanders.“Jetzt nehmen wir doch nur mal an, dass wir irgendwas Falsches zu jemandem sagen, und das hat dann solch Konsequenzen auf die Zukunft, dass wir vielleicht irgendwie zurückkommen, und keiner kennt uns! Keiner weiß Bescheid über uns, über den Auftrag, über Zeitmaschinen, oder über sonst was. Wir wären den Rest unseres Lebens Außenseiter, oder voll Zentral im Mittelpunkt der Welt, was wäre dir lieber, keins von beiden, ich weiß schon, aber du darfst mit niemandem reden, ich wurde dafür trainiert, ganz speziell für solche Missionen, ich weiß genau was man sagen muss. Da ist äußerste Konzentration gefragt. Du darfst mit möglichst niemandem interagieren, ach was sag ich möglichst, da darfst mit gar niemandem kommunizieren. Am besten ist, wenn du…”. Braunhoff drehte sich zu Steiner um und packte ihn bei den Schultern. “Am besten ist es, wenn du den Mund hältst. Dein Gerede über Zeitmaschinen, vierdimensionale Quantenphysik, Raum-Zeit-Kontinuum und diverse Paradoxen, die längst geschehen wären, wenn sie geschehen würden, dürften die Menschen mehr irritieren, als wenn ich im Vorbeigehen jemandem einen guten Tag wünsche.” Er drehte sich wieder in Laufrichtung und zuckelte weiter.Steiner blieb, wie er in seiner Rede unterbrochen wurde, mit erhobenem Zeigefinger noch kurz stehen, blickte Braunhoff nach, überlegte kurz und eilte ihm dann nach, nicht ohne ihn kräftig anzurempeln, als er ihn einholte.Ein paar hundert Meter gingen sie schweigend nebeneinander her durch die Stadt, dann beugte sich der größere Braunhoff etwas zu Steiner herab. “Überleg doch mal, wenn du so sehr darauf trainiert wurdest, dann weißt du doch sicher auch, dass diese ganzen Paradoxen, wenn sie von uns hier verursacht würde, ja dann auch in unserer Zukunft etwas verändern würde. Vielleicht ist unsere Zukunft ja verändert, aber wir leben darin, und uns fällt es nicht auf. Wir sind mit dieser “falschen” Zukunft aufgewachsen und haben darin unser ganzes Leben verbracht. Wenn wir hier etwas richtig machen, dann wäre das für jede andere Zukunft falsch. Was die Reisenden aus einer anderen Zukunft hier machen würden, wäre für uns total falsch und würde zum Untergang unserer Zivilisation, wie wir sie kennen, führen.” Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: “Denk darüber nach.”“Warum wird uns dann das Ganze beigebracht? Ich meine, warum? Wenn doch alles vorherbestimmt ist, dann könnten wir uns hier ja theoretisch verhalten, wie wir wollen, und nichts daran würde etwas an unserer Zukunft ändern. Warum bringt man uns dann bei, alles möglichst passiv zu erleben, mit nichts und niemandem zu interagieren und nach Möglichkeit allem aus dem Weg zu gehen, als wäre man ein Unsichtbarer, der nicht entdeckt werden will?”Braunhoff seufzte. Er hatte gehofft, mit der Aufforderung, darüber nachzudenken, würde er Steiner endlich zum Schweigen bringen. “Weil nur dadurch unsere Zukunft erhalten werden kann. Wenn das klar wäre, dass man machen kann, was man will, was meinst du, wie viele Sachen passieren worden wären, die unsere Zukunft sehr seltsam beeinflusst hätten? Mathematische Formeln zwischen Steinzeitmalereien macht sich nicht sonderlich gut, und die Tochter des Imperators mit einem Kind eines altägyptischen Pharao im Bauch wäre auch ein kleines Skandal. Die Forscher im neunzehnten Jahrhundert hätte mit versteinerten Knochen zu kämpfen, neben denen – gut erhalten – ein Datenspeicher mit den neuesten chirurgischen Kenntnissen gefunden wird. Und Sicher will auch jemand seinen Vorfahren eine kleine Kiste hinterlassen, mit den gesamten Spielständen der AmericanUnited Footballmannschaft. Was glaubst du, würden die Leute im Mittelalter hier sagen, wenn wir statt zu Fuß mit einem Jeep hier durchbrausen würden?”Steiner dachte ein paar weitere hundert Meter darüber nach, bis sie an einem Brunnen ankamen, etwas am Rande der Stadt gelegen. Braunhoff kniete sich nieder und hievte den brüchigen Holzeimer auf den Brunnenrand. “Seil.” sagte er. Steiner blickte verständnislos, und Braunhoff verdrehte die Augen. “Du sollst das Seil an dem Eimer festbinden.” Steiner kam der Aufforderung nach und ließ den Eimer dann langsam in den Brunnen hineinsinken, während er sich umsah. Eine Frau kam langsam mit einem scheinbar leeren Gefäß den Trampelpfad zum Brunnen entlang gelaufen. Sie blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete die beiden Männer, wie sie – der eine gelassen, der andere nervös und verstört – den Eimer in die Höhe hievten. “Bonjour, Madame.” Sagte Braunhoff urplötzlich. Steiner zuckte zusammen und stieß den Eimer fast wieder in den Brunnenschacht. “Bonjour, Monsieur.” Erwiderte die Frau lächelnd. “C’est quoi, vous voulez faire avec ce l’eau là? Vouz n’avez pas un récipient pour transporter.” Braunhoff nickte. “Oui, Madame. On veut seulement regarder si l’eau est encore buvable. On a écoute qu’il y arrive une temps aride, mais bon, on n’peut voir rien de ça. Vouz voulez l’eau ici?” Er trat zur Seite und deutete auf dem Eimer. “Oui, si vous n’avez plus besoin de, je le prends.” Antwortete die Frau. Sie tauchte ihr Gefäß in den Eimer, bis es gefüllt war, nickte den Zeitreisenden mit einem “Au revoir, monsieurs.” zu und schritt wieder von dannen. Steiner blickte Braunhoff entgeistert an. “Du kannst doch nicht einfach so das Wasser weggeben! Wir brauchen das doch noch!” japste er. “Ich vermute mal über die Konsequenzen hast du auhc nicht nachgedacht. Was ist, wenn das Wasser jetzt durch das Eintauchen eben verändert wurde, irgendwie verunreinigt durch Schmutz von der Karaffe von der Frau da? Stell dir nur mal vor, was das für unsere Forscher be…” Er verstummte, als Braunhoff ihm auf den Hinterkopf schlug. “AU! Ja sag mal, spinnst du?” “Nimm den Stein da.” Verwirrt hob Steiner einen großen Stein auf.“Leg ihn dorthin.” Steiner wirkte sehr irritiert, tat aber wie geheißen und wuchtete den Stein auf den Brunnenrand. “Jetzt schmeiß ihn in den Brunnen.”“Äh.”“Schmeiß ihn rein.”Steiner gab dem Ding einen Schubs und lauschte dem Platschen, als der Stein unten ankam.“Ja bist du denn von Sinnen? Was glaubst du denn, was du gerade gemacht hast?” wetterte Braunhoff los. “Du hast gerade die ganze Weltgeschichte durcheinander gebracht, der Stein war von unermesslicher Relevanz auf die Zeitlinie! Wäre der Stein noch da gelegen, hätte durch einen unglücklichen Zufall nicht in dreieinhalb Jahren Jean-Baptiste Grenouille über diesen Stein stolpern können, und er hätte niemals Madame Curie kennengelernt! Du hast die Geburt von Oscar Lafontaine verhindert, der seinerseits wichtige Dinge gesagt hat, damit sich ein Fischhändler aus Hamburg seine Gedanken zur Ökologiekrise machen konnte und unsere Zeitreisen ein paar hundert Jahre später überhaupt ermöglichte! Außerdem, was glaubst du, dass die ganzen Archäologen denken, warum die Franzosen einen Stein im Brunnen haben? Die würden ja einen Selbstmordversuch vermuten, wenn nicht sogar eine präfranzosale Ausgrabungsstätte mit mysteriösen Cthulhu-Kulten!”Steiner starrte Braunhoff entgeistert an.Dieser drehte sich ohne eine Spur des soebigen Wutausbruchs um und zog eine kleine Glasflasche aus dem kleinen Lederbeutel an seiner Seite. Er befüllte sie mit dem restlichen Wasser aus dem Eimer, drehte sich vom Brunnen weg und ging zurück zu dem kleinen Städtchen. Steiner grinste etwas verstört und eilte ihm wieder einmal nach. “Du hast doch vorhin gesagt, egal was wir tun, aber es ist schon unsere Zukunft. Oder so.”Braunhoff überlegte kurz. “Ja, das stimmt, wenn es das ist, was ich meine.”Steiner nickte. Also das mit dem Stein vorhin, das war dann…” er blickte zurück zum Brunnen. “Ja, ich denke, das war es.” “In der Tat. Das war es. Wieviel Zeit haben wir noch?”Steiner blickte auf seine Uhr. “Eine Viertelstunde.”“Mh. Gut.”Sie gingen schweigend weiter. An der kleinen Gasse angekommen, blickten sie hinein. “Niemand da. Gut.” Sie lehnten sich an die rückwärtige Mauer und warteten einige Minuten. “Noch immer zehn Minuten.” Sagte Steiner nach einem Blick auf die Uhr. “Ich bin gleich wieder da.”Braunhoff nickte ihm nach, als er hektisch verschwand. Steiner blickte sich um und verschwand unauffällig in einem der Häuser. Man hörte kurz einen erstickten Schrei, dann eine Weile lang nichts, nur das allgemeine Stadtleben.Nach wenigen Minuten trat er wieder aus dem Haus, blickte sich gelangweilt um, zog seine Hose ein wenig nach oben und ließ unauffällig ein blutiges Messer in eine Tonne neben der Tür fallen.Zufrieden, dass er auch ohne Freundin seinen Spaß haben konnte, ging er zurück zu der Gasse. Er trat in das Dunkel und wartete kurz, bis sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Braunhoff war offensichtlich auch noch ein paar “Besorgungen” erledigen. Die Flasche mit dem Brunnenwasser stand ordentlich neben einem Haufen Holz an der Hauswand, er hatte sie wohl dagelassen, damit sie nicht aus Versehen zerbrach. Steiner sah auf die Uhr. “Gerade rechtzeitig.” Murmelte er zu sich selbst. “Halbe Minute. Gut in der Zeit. Ja.”Er griff nach der Flasche und blickte nervös zum Ausgang der Gasse. Wo blieb Braunhoff? Er würde zu spät kommen, wenn er sich nicht beeilt.Der Zeiger tickte unbarmherzig weiter in Richtung der vollen Stunde. Noch zehn Sekunden. Steiner trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen. Fünf Sekunden. Er würde es nicht mehr schaffen.Vier. Drei.Zwei.Eins.Jetzt.…Jetzt.…“Fuck was ist das? Geht meine Uhr falsch?”…“Hallo? Holt ihr mich bitte zurück? Oder wartet ihr noch auf Braunhoff?”…“Hört ihr mich überhaupt? Geht das?”Ein langer Seufzer entfuhr ihm und er ließ sich niedersinken.Sein Blick fiel auf die vergilbten Zettel, auf denen die Flasche gestanden hatte. Er griff gelangweilt nach ihnen und zog einen Stift aus der Tasche. Auf die erste Seite malte er ein paar Strichmännchen und Nikolaushäuser. Er spielte ein paar Runden Tic Tac Toe gegen sich selbst, blickte immer wieder auf und hoffte, dass Braunhoff bald wieder kommen würde.Steiner blätterte einen Zettel weiter und knüllte den vorherigen in der linken Hand zusammen. Eine kaum noch lesbare Notiz stand auf dem zweiten Zettel.Steiner hob den Zettel ins Licht, um besser lesen zu können.Das erste Wort auf dem Zettel war “Steiner.”Sein Herz zog sich zusammen und er blickte kurz nach oben, bevor er weiter las.“Deine Anwesenheit in dieser Zeit ist laut Vorschrift notwendig. Ich habe meinen Auftrag ausgeführt und dich hierher gebracht. Mach dir das Beste daraus. Du weißt ja – was auch immer du machst, aber die Zukunft, wie wir sie kennen, ist bereits so geplant.Braunhoff.”Steiner blickte auf die Flasche mit dem Brunnenwasser. Er betrachtete den Zettel und sah dann apathisch nach vorne. Ein Schrei hallte durch die Straße. “Scheint so, als ob die Leiche gefunden wurde.” Murmelte er. “Schade. Wenn ich das vorher gewusst hätte, gäbe es jetzt keine Leiche.”Er stand auf und holte weit aus. Die Flasche Brunnenwasser flog im hohen Bogen über die Straße und zerschellte an einem gegenüberliegenden Haus.Steiner ging auf die Straße und sah sich um. Dann ging er in Richtung des Hauses, wo sich bereits eine Menschenmenge versammelt hatte. “C’était moi!” rief er.“J’ai tue cette fille! Je l’ai abusé!”Die Menge drehte sich zu ihm um.“Le mesureur est dans cette tonne là bas. Je vous prie de me tuer. Je ne regrette pas ce que j’ai fait.” Noch am Ende dieses Tages starb Steiner am Galgen.
Das Mädchen, das er vergewaltigt hatte, hätte in dreißig Jahren jemanden geboren, der die Welt mit seinen Nachfahren innerhalb von fünfhundert Jahren einem Trümmerfeld gleich gemacht hätte. Weltkriege wären an der Tagesordnung gewesen, und die Menschheit wäre noch vor dem Jahr 2100 beinahe vollkommen ausgelöscht gewesen. Steiners Tod hatte keinerlei Einfluss auf die Geschichte. Er hätte eigentlich nach Hause zurückkehren können.
Naja. Pech. Sagen wir, die Welt kommt 2058 Jahre später auch gut ohne ihn aus.Michael Bahner
Tut mir leid, wenn mein Französisch etwas eingerostet ist. Außerdem könnt ihr ja ein wenig interpretieren, was es mit der Überschrift auf sich hat. Ich habe da tatsächlich einen Hintergrund dazu, hoho, aber keiner von euch wird jemals darauf kommen, was ich meine. Harr!