Der Spiegel
Shannon dachte sich nichts, als er an einem ganz gewöhnlichen Morgen aufstand, sich duschte, anzog und frühstückte. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es war wie gesagt ein ganz gewöhnlicher Morgen. Wie auch sehr viele Morgen zuvor.
Ich sollte eine Pause machen, dachte sich Shannon und stand auf. Er streckte sich genüsslich und gähnte ausgiebig. Dann schlurfte er in den Flur, wo er einen flüchtigen Blick auf sein Spiegelbild warf. Er trottete weiter in Richtung Küche und grinste. So ein verdammt gutaussehender Typ, dachte er und schenkte sich ein Glas Milch ein. Er nahm einen Schluck und schüttelte sich. Die Milch war wohl schlecht. Shannon schüttete den Rest ungesehen in den Abfluss und ging zurück zum Spiegel. Er konnte wahrhaft verstehen, warum so viele Frauen auf ihn standen. Shannon erreichte den Spiegel und blickte ihn zufrieden an. Das Spiegelbild lächelte zurück und strich sich genauso wie Shannon durch die langen, schwarzen Haare. Genüsslich nickte Shannon und meinte: “Junge, du siehst mit jedem Tag älter aus. Und besser.” Dann ging er zurück an seine Arbeit. Abends legte er sich in sein Bett und schlief bis spät am nächsten morgen. Auch hier wieder: Aufstehen, duschen, frühstücken, Arbeit.
Zwischenzeitlich, bei der Pause, blickte er in den Spiegel. Shannon runzelte die Stirn. “Hm?” machte er. “Was ist denn das?” Vorsichtig betastete er sein Gesicht. Es war nur eine kleine Veränderung, kaum auffallend, doch Shannon kannte sich und seinen Körper gut. Besonders sein Gesicht. Er stellte sofort fest, dass etwas nicht stimmte. Seine Züge waren irgendwie härter geworden. Er sah aus, als wäre er über Nacht um einige Jahre gealtert. Nur unmerklich. Shannon dachte sich, dass dies ihm jedoch besser stand und dachte sich nichts dabei. Warum auch – am einen Tag gefällt man sich, am nächsten Tag findet man sich potthässlich. Dann ging er wieder an seine Arbeit, schließlich wollte er sie noch zu Ende bringen.
Auch am nächsten Tag verlief alles wie gewöhnlich, nur dass er etwas öfter als sonst in den Spiegel sah. Erneut waren seine Züge etwas strenger geworden, kantiger, älter. Einige sachte Linien zogen sich durch sein Gesicht. Nicht genug, um sie schon Falten zu nennen, aber sie irritierten Shannon. Mit seinen 26 Jahren sah er aus wie knappe vierzig. Es irritierte ihn und über den Tag konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Am nächsten Morgen wachte er auf und blieb liegen. Er starrte an die Decke und dachte über die vergangenen Tage nach. Er hatte niemanden zu Gesicht bekommen, war die ganzen Tage an seiner Arbeit gesessen, hatte ziemlich wenig gegessen. Es dürfte normal sein, dass man da Halluzinationen bekommen konnte. Shannon stand auf und suchte kurz nach Halt. Vor seinen Augen begann alles zu flimmern und er schwankte. Nachdem er sich wieder unter Kontrolle hatte, begab sich Shannon auf den Weg zum Spiegel im Bad. Er zögerte einen Moment und lachte verlegen. “Was für ein Blödsinn.” Murmelte er und blickte auf. Graue Strähnen durchzogen sein Haar, seine Augen waren eingefallen, die Haut faltig und grobporig. Aus seiner Nase und seinen Ohren begannen Haare zu wachsen.
Shannon schrie auf und stolperte einen Schritt zurück. Einige Augenblicke lang keuchte er und rang nach Atem. Dann trat er wieder an den Spiegel und betastete panisch sein Gesicht. Schweißüberströmte Haut überzog es, und sie fühlte sich so frisch und gesund an wie immer. Doch der Spiegel bewies das Gegenteil. Shannon griff zitternd nach einer Strähne und riss sich ein paar Haare aus. Dann hob er sie neben sich und blickte sie an. “Schwarz” murmelte er, die Stimme seltsam entstellt. Der Spiegel behauptete indes, in Shannons Hand läge eine weiße Strähne. Schlohweiß.
Shannon saß im Warteraum des Arztes. Er wurde hineingerufen und nahm ihm gegenüber Platz. “Nun, Doktor?” murmelte er. Innerlich zuckte er zusammen. Er erkannte seine Stimme nicht mehr. Vor einigen Tagen hatte sie noch jung geklungen, doch in seinen Ohren klang sie wie die Stimme eines fünfzigjährigen. “Tja, Shannon… Sie behaupten also, sie hätten Halluzinationen. Ich kann nichts dergleichen feststellen. In meinen Augen sind sie vollkommen gesund.” “Aber das geht nicht!” brauste Shannon auf. “Das kann nicht sein! Ich… ich bin viel zu alt!” “Sie sind…” wiederholte der Doktor zögernd. “zu alt. Genau. Ich sehe aus wie fünfzig!” schrie Shannon. Der Arzt blickte ihn über seine Brille hinweg an. “Aha.” Meinte er dann. “Wie fünfzig.”
Wieder zuhause angekommen sank Shannon in den Sessel. Egal, was der Arzt sagen würde. Er war krank. Entweder er war wirklich so alt – was er nicht glaubte – oder er hatte Halluzinationen. “Das kann nicht sein” murmelte Shannon in Gedanken und stand auf. Unglücklicherweise stand er dabei direkt vor dem Spiegel. Halb gebückt stand er einige Sekunden noch vor dem Spiegel und blickte in dieses Bild des Schreckens, bevor er sich wieder fallen ließ. Seine Haare waren weiterhin grau geworden. Und weiß. Kein einziges Haar zeugte mehr davon, dass er einmal schwarze Haare gehabt hatte. Sein Gesicht war noch faltiger geworden. Die Haut hing schlaff herunter. “Oh mein Gott” murmelte Shannon erschöpft und tastete mit seiner Hand vorsichtig sein Gesicht ab. Seine Hand zuckte zurück, als er seine Wangen berührt hatte. Glatt wie eh und je. Eine Strähne hing ihm in sein Gesicht. Er streifte sie gedankenverloren weg und hielt dann inne. Er zog die Strähne erneut in sein Blickfeld und stellte fast gleichgültig fest, dass er schwarze Haare in den Händen hielt.
Am nächsten Tag verzichtete er darauf, auch nur den geringsten Blick in den Spiegel zu werfen und verbrachte den Tag damit, im Bett zu liegen und zwischendurch etwas zu essen und zu trinken. Den Tag darauf fühlte sich Shannon frisch und ausgeruht, durch nichts zu erschüttern, die Sonne schien, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Ein richtig guter Tag, dachte sich Shannon und schwang sich aus dem Bett. Er stellte sich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel und grinste. Das war lange genug ein Albtraum gewesen. Heute ist es vorbei. Er öffnete die Augen und blickte in ein graues, zerfurchtes Gesicht, die Haut, soweit sie nicht herunterhing, spannte sich straff über die Knochen, die Augen lagen tiefer in den Höhlen denn je, auf dem Kopf trohnten noch die letzten Büschel weißer Haare, die dünn und weiß an seinen Schläfen herunter hingen. Alters- und Pigmentflecken überzogen alle Stellen, die er sehen konnte, die Haare in den Ohren und in seiner Nase waren nun endgültig nicht mehr zu übersehen, der dürre Hals schien die Last des Kopfes nicht mehr tragen zu können. Der zahnlose Mund entblößte eitriges Zahnfleisch und eine verkrustete Zunge.
Shannons Grinsen erlosch abrupt und machte tiefer Betroffenheit Platz. Eine geschlagene Minute stand er da und beobachtete das Spiegelbild. Sein Blick flackerte und Schweiß trat auf die Stirn, die unnatürlich hoch erschien. Befremdet wandte sich Shannon ab und setzte sich in einen Sessel. Minutenlang war er nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Was war passiert? Er hatte schon viele Sendungen wie X-Factor und Twilight Zone gesehen, doch hatte er bisher nicht weiter über dergleichen nachgedacht. Das war, wie er früher gedacht hatte, zu unglaublich. Aber nun wurde es vor seinen Augen zu erschreckender Realität. Mit seiner Zunge tastete er vorsichtig die noch vorhandenen Zahnreihen ab. Sah er im Spiegel seine Zukunft? Oder – Shannon erschrak. Oder würde es gar sein Lebensfunke sein? Würde er eines Moments vor dem Spiegel diese wandelnde Leiche umkippen sehen und würde er gleichzeitig sterben? Es lief im kalt den Rücken herunter und blickte in die Nähe des Spiegels. Aus diesem Winkel konnte er nicht in den Spiegel sehen, doch er ahnte, dass das nächste Mal etwas passieren würde. Vorsichtig stand Shannon auf und schob sich an der Wand entlang auf den Spiegel zu. Vorsichtig löste er ihn vom Haken und trug ihn zum Fenster, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Ein flaues Gefühl entstand in seinem Magen und er öffnete das Fenster.
Langsam lehnte sich Shannon nach draußen und sah nach, ob er jemanden treffen könnte. Doch es war niemand zu sehen und so wuchtete er den Spiegel auf das Fenster. In diesem Moment fiel sein Blick auf die Gestalt in dem Spiegel. Die Augen dieses Monsters wurden plötzlich größer und nach einem Sekundenbruchteil sank sie zusammen. Shannon spürte einen scharfen Stich im Herzen und fiel aus dem Fenster. Drei Stockwerke tief. Er war tot.
Michael Bahner
Okkultus