Aus der Sicht des Chi
Durch ein Gespräch mit meiner Mutter ist mir neulich der Gedanke gekommen, wie es wohl sein muss, wenn man das Chi ist. Ihr wisst schon, diese mysteriöse, alles durchdringende Kraft, die in Brgen und Flüssen wohnt, und die für die Wohlfühlatmosphäre in den Nebengassen asiatischer Großstädte verantwortlich ist.
Normalerweise ist das wohl so. Du – als Chi – betrittst das Gelände eines Hauses. Die weiß gekieselte Einfahrt führt dich in einem sanften Bogen durch einen schön anzusehenden Garten mit Teich, säuberlich geschnittenem Rasen, akkurat gepflanzten Büschen und einem dekorativen Gartenzwerg direkt vor die frisch geputzte Eingangstür. Du betrittst den Hausflur, der sich einladend und hell erleuchtet vor dir befindet. Der Kleiderständer und der Schuhschrank fallen nicht in den Blick, und du schwebst gemütlich über einen gehäkelten Teppich an der Treppe vorbei in das heimelige Wohnzimmer. Du betrittst den Raum mit einem großen Schritt und kannst sofort das ganze Zimmer überschauen. Die helle Ledercouch steht mit einem ebenso gefertigten Sessel nahe bei einem frisch polierten Glastisch auf dem mittelbraunen Parkettboden, der sich durch das gesamte Zimmer erstreckt. Ansprechende Bilder an den Wänden lassen das Chi – also dich – sofort die pastellfarbene Wand übersehen, die sich an einer Stelle mit Illusionsmalerei, an einer anderen Stelle mit einem Spiegel schmückt. Der Raum wirkt dadurch sofort viel größer, was wiederum dem großen Kristallleuchter, der das Chi in alle Ecken hineinwirft, gut tut.
Das Chi streift am Bücherregal vorbei, tastet mit den Fingerspitzen nach den einzelnen Skulpturen, die sich ästhetisch im Raum verteilt haben, und lässt sich dann auf der Bank des Kachelofens nieder, um in einer kreativen Pause den Blick über die stimmungsvolle Pflanzenparade schweifen zu lassen.
In einem Raum wie diesem fühlt sich das Chi so wohl, dass es kaum noch hinaus möchte. Der Wintergarten lockt jedoch, und von dort aus sorgen die breiten Glasfronten dafür, dass es ungehindert in den Garten hinausströmen kann.
Nun gibt es aber noch den anderen Raum zu besuchen. Gedankensprung, wir befinden uns in einer Stadt, und das durch den Lärm sowieso schon verwirrte Chi wird um eine Kurve mit Mülleimern in einen Hinterhof gezwängt, wo schon eine jahrhundertalte Glastür mit gesprungenen Scheiben wartet. „Besser als in der Stadt,“ denkt sich das Chi, geht hinein, und findet sich urplötzlich einer weiteren Tür gegenüber. Schockiert rennt das Chi die steile, dunkle Treppe hinauf und wirft sich durch ein dunkles Labyrinth vollgestellter Gänge über zwei plötzlich im Weg stehende Treppenstufen. Das Chi sieht eine weitere kurvige Treppe am Rande des Blickfelds vorbeihuschen, während es versucht, seinen Stolperer auf dem unfarbigen Teppichboden auszugleichen.
Es bemerkt, dass es plötzlich mitten in einem länglichen Raum steht, der durch dicke Vorhänge, verstaubte und vollgestellte Regale, und durch Tausende und Abertausende von kleinen Schachteln geradezu bedrückend wirkt. Die kleine Fensterfront an der Stirnseite wirkt ungeputzt, und die Rollläden sind, in einem verzweifelten Versuch, dies zu widerlegen, einfach heruntergelassen worden. Das Chi kann sich ob der wild im engen Raum herumstehenden Stühle, Tische und Elektronikkomponenten (wovon fast nichts ohne Panzertape zusammengehalten wird) nicht mehr in der Luft halten, will sich hinstellen, und rutscht prompt auf einer Sprudelflasche aus. Auf dem Boden liegend, wälzt sich das Chi erst einmal in Zetteln, Stiften, Kaugummipapierchen und Staub, bis der längst zum Leben erwachte Teppichboden ihn nicht mehr festhalten kann und sich das Chi wieder in die Luft erhebt. Es versteckt sich daraufhin in einer Ecke, wo es dann einen Blick auf das Regal erhascht, auf dem schon in zweiter Reihe und willkürlich ohne Regeln bezüglich Farbkombination, Größenverhältnis und ästhetischer Stimmungen, eine Unzahl von Bierflaschen und -dosen aufgereiht wurden. Direkt darunter eine Fantaflasche aus Vorkriegszeiten – vermutlich sogar vor dem Kreuzzug – neben einer halben Packung Chips. Ein kleiner Teil der Chips liegt noch auf dem Regal, der Rest wurde gewissenhaft dem Teppichmonster zum Fraß vorgeworfen. Das Chi hechtet aus der Ecke heraus, stürzt über eine Gitarre, die in einem Sessel liegt, stolpert über einige Spielkonsolencontroller und verliert dabei endgültig seine geistige Gesundheit. Es schreit auf, kriecht unter einem schweren Vorhang in Richtung Ausgang und stößt sich den Kopf an einem kleinen Billardtisch. Nachdem es auch noch von einem Schachspiel aufgehalten wurde, das ihm ebenfalls eine waghalsige Kurve aufgezwungen hat, verlässt das Chi weinend und schreiend das Zimmer und stürzt nach links die Treppe hoch. Dort rast es in ein Gatter, welches das verschreckte Chi die halbe Treppe wieder hinunter wirft. Nachdem es das Gatter überwunden hat, steht es erneut direkt vor einer Wand. Wütend und verzweifelt den Ausgang suchend, wirft es sich nach links durch eine Tür und wurde seither nicht mehr gesehen – wir vermuten, dass es sich dort in dem folgenden Labyrinth verlaufen hat und einsam in einer dunklen Ecke gestorben ist.
Nun, wir wissen alle, wie schwer es ist, es dem Chi Recht zu machen. Manche hyperventilieren, wenn das Chi eine leichte Kräuselung verursacht, und planen danach den ganzen Raum um; andere sagen sich „Wenn es dem Chi hier nicht gefällt, soll es halt weg bleiben.“ - in jedem Fall, Chi sein ist auch nicht einfach. Habt auch mal Nachsicht. Nicht alles muss perfekt sein. Nicht das Chi muss sich wohl fühlen – ihr müsst es.
KOMMENTARE VON LESERN
die geschichte mit dem chi ist richtig cool. ich denke aber das es verschiedene arten von Chis gibt. einmal gibt es das klassische esoterik-wohlfühl-chi das glaubt was besseres zu sein weils ein deo besitzt. aber dann gibts noch viele viele unterarten. zum beispiel das ewiger-junggeselle-muffige-kneipe-hinterhof-chi. es fühlt sich an besagtem ort wohl und sorgt dadurch dafür das orte wie siffige kneipen eine geradezu magische anziehungskraft besitzen. es mag übrigens auch fettiges essen mit viel cholesterin, weshalb imbissbuden so riesen umsätze machen.